Deutsche Einwanderung in Brasilien

zum 200. Jahrestag am 25. Juli 2024

Historische Hintergründe


Die brasilianische Nationalheldin und Patriotin Maria Leopoldine von Österreich

Maria Leopoldine von Österreich im Alter von 18 Jahren, Gemälde von Joseph Kreutzinger 1815

Maßgeblichen Einfluss auf die Einwanderung aus dem deutschen Sprachraum nach Brasilien hatte die 1797 als vierte Tochter von Kaiser Franz I. von Österreich geborene Erzherzogin  Maria Leopoldine von Österreich . Die bereits als Kind universal interessierte und sprachbegabte Leopoldine erhielt schon frühzeitig Zeichenunterricht und beschäftigte sich u.a. mit Botanik, Mineralogie und Schmetterlingskunde. Darüber hinaus war ihre Erziehung auf hohem kulturellen Niveau vielseitig und breit gefächert. Sie erhielt eine konsequente politische Ausbildung und wurde dadurch schon vom Kindesalter an auf das Regieren vorbereitet.


Auf der Flucht vor Napoleons Truppen war der portugiesische König João VI. mit englischer Unterstützung im Jahre 1807 mit seinen Hof von Lissabon nach Rio de Janeiro umgezogen und dadurch wirtschaftlich stark in Abhängigkeit von England geraten. Um diese abzumildern, wurde eine Allianz durch Vermählung mit einer anderen europäischen Großmacht angestrebt. In den nachfolgenden Verhandlungen mit dem Fürsten Metternich im Jahre 1816 über eine Verheiratung des Kronprinzen  Dom Pedro  wurde von diesem Maria Leopoldine vorgeschlagen. Metternich versprach sich durch die Allianz mit dem Hause Braganza interessante Perspektiven für Österreich, dieses durch Expeditionen in das kaum erforschte Riesenland wieder als kulturelle Großmacht zu präsentieren.

In der Zwischenzeit bereitete sich Maria Leopoldine intensiv auf ihre neue Heimat vor. Sie lernte portugiesisch und studierte die brasilianische Landeskunde.

Noch vor ihrer „Stellvertreter-Hochzeit“ mit dem Kronprinzen Dom Pedro am 13. Mai 1817, entsandte man zwei österreichische Expeditionsschiffe mit Wissenschaftlern, Malern, Gärtnern, Tierpräparatoren und weiteren Spezialisten an Bord zu Forschungszwecken nach Brasilien.

Am 13. August 1817 wurde Maria Leopoldine von Livorno aus Richtung Rio de Janeiro eingeschifft, wo sie nach einer 81-tägigen Seereise zum ersten Mal ihrem Ehemann Dom Pedro begegnete. Dieser entsprach leider in keinster Weise den vorherigen Beschreibungen der Brautwerber als kultivierter Kavalier, sondern war ein vulgärer, bildungsferner und cholerischer Schürzenjäger mit Vorliebe für Pferderennen. In den neun Jahren ihrer Ehe bis zu ihrem frühen Tod 1826 durchlebte sie neun Schwangerschaften mit drei Fehlgeburten (an deren letzter sie verstarb), Misshandlungen und Ehebrüche durch ihren ausschweifenden Ehemann.


Trotz aller Widrigkeiten im familiären Leben gilt Maria Leopoldina den Brasilianern als Patriotin und Nationalheldin, da sie angesichts der zahlreichen Reisen Dom Pedros durch die brasilianischen Provinzen die eigentliche Regentin des Landes war, die durch diplomatisches Geschick die Unabhängigkeit von Portugal vorantrieb, insbesondere die internationale Anerkennung als selbständiges Kaiserreich im Jahre 1825.

Auch die Grundfarben der brasilianischen Flagge gehen auf Entwürfe von Maria Leopoldine zurück: Grün als Farbe des Hauses Bragança und Goldgelb als Farbe des Hauses Habsburg, hier zu sehen die 1. Flagge des Kaiserreiches Brasilien von 1822 bis 1853

Schon früh hatte Maria Leopoldine die Notwendigkeit einer organisierten Einwanderung erkannt, da Brasilien zu dieser Zeit kulturell noch sehr unterentwickelt war. In ihrem Auftrag organisierte der deutsche Arzt und Abenteurer  Georg Anton Schäffer  ab 1818 in großem Stil die Anwerbung tausender deutschsprachiger Auswanderer als Kolonisten und Söldner für die Einwanderung nach Brasilien.

Georg Anton Schäffer im Jahre 1836, Autor/in unbekannt

Auswanderung

Visualisierung eines Auswandererhafens um 1820, Dall-E

Die Geschichte der deutschen Präsenz in Brasilien nimmt ihren Anfang weit vor den massiven Einwanderungswellen des 19. Jahrhunderts und ist durch frühe Berichte und Abenteuer von Entdeckern wie Hans Staden und Ulrich Schmidel dokumentiert. Diese Pioniere legten den Grundstein für das spätere Interesse an Brasilien innerhalb der deutschen Gemeinschaft. Im 19. Jahrhundert, einer Zeit geprägt von tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen in Deutschland, begann die eigentliche Geschichte der deutschen Einwanderung nach Brasilien. Hunger, Armut und politische Unruhen trieben viele Deutsche zur Suche nach einem besseren Leben in der Ferne. Brasilien, mit seinen Versprechen auf fruchtbare Ländereien und einem Neuanfang, erschien als ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Am 25. Juli 1824, dem Tag, der heute in Brasilien als „Tag der deutschen Einwanderung“ gefeiert wird, markierte die Ankunft der ersten deutschen Siedler in São Leopoldo, Rio Grande do Sul, offiziell den Beginn der deutschen Masseneinwanderung. Diese Gruppe von Einwanderern legte den Grundstein für die deutsche Gemeinschaft in Brasilien und initiierte eine Bewegung, die im Laufe der Jahre Tausende von Deutschen nach Brasilien führen sollte. Diese frühen Siedler, vorwiegend Bauern, Handwerker und kleine Unternehmer, suchten nach wirtschaftlicher Sicherheit und persönlicher Freiheit – etwas, das in ihrer Heimat zunehmend schwerer zu finden war.

Die erste deutsche Siedlung in São Leopoldo symbolisiert somit nicht nur den Beginn der deutschen Einwanderung in Brasilien, sondern auch die Hoffnungen und Träume vieler Einwanderer. Diese erste Welle der Einwanderung ebnete den Weg für zukünftige Generationen deutscher Siedler in Brasilien und legte den Grundstein für die reiche kulturelle und soziale Landschaft, die bis heute ein integraler Bestandteil der brasilianischen Gesellschaft ist.

Hafenszene in Bremerhaven um 1900, handkolorierte Postkarte

Die größten Häfen im deutschen Sprachraum waren vor 200 Jahren Hamburg und Bremerhaven und sind es noch heute. Bremerhaven entwickelte sich ab 1830 zum größten Auswandererhafen Kontinentaleuropas. Um ein neues Leben in Übersee zu beginnen, schifften sich von hier aus über 7,2 Millionen Menschen ein. Über das Tor zur Welt Hamburg verließen zwischen 1850 und 1939 über 5 Millionen europäische Auswanderer die "Alte Welt", nicht zuletzt nachdem Albert Ballin im Jahre 1901 auf der Veddel Massenunterkünfte für tausende Auswanderer errichtete.

Auswandererlager der Hapag auf der Veddel, Hamburg 1907, Autor unbekannt

Die Überfahrt

Querschnitt durch ein Auswandererschiff um 1850, Autor unbekannt

Im frühen 19. Jahrhundert wurden Überseereisen hauptsächlich mit Segelschiffen durchgeführt. Die Geschwindigkeit dieser Schiffe war stark wetterabhängig, aber im Durchschnitt konnten sie etwa 5 bis 8 Knoten (ca. 9,26 bis 14,82 km/h) zurücklegen. Die genaue Dauer einer Reise von Europa nach Südamerika variierte, aber allgemein dauerte eine solche Überfahrt mehrere Wochen bis zu einigen Monaten.

Visualisierung der Stimmung unter Deck, Dall-E

Für die Route von Europa nach Brasilien nutzten Schiffe oft die Passatwinde im Atlantik, was die Reisezeit beeinflusste. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Dampfschifffahrt populärer wurde und die Routen effizienter gestaltet werden konnten, verkürzte sich die Reisedauer deutlich.

Visualisierung der Stimmung unter Deck, Dall-E

Als grobe Schätzung könnte eine Reise von Bremerhaven nach Santos im Jahr 1825 unter günstigen Bedingungen etwa 40 bis 70 Tage gedauert haben, wobei längere Reisezeiten aufgrund von schlechten Windverhältnissen, Navigationsherausforderungen oder anderen Faktoren durchaus möglich waren.

Als Erzherzogin Maria Leopoldina sich am 13. August 1817 von Livorno aus einschiffte, erreichte sie nach einer abenteuerlichen Seereise nach 81 Tagen den Hafen von Rio de Janeiro.

Brasilien

Einwanderungswellen und Siedlungsmuster

Nach der Gründung der ersten deutschen Siedlung in São Leopoldo im Jahre 1824 folgten weitere bedeutende Einwanderungswellen, die die deutsche Präsenz in Brasilien verstärkten und ausweiteten. Diese Einwanderungsbewegungen waren nicht nur durch die Hoffnung auf ein besseres Leben angetrieben, sondern auch durch gezielte Anwerbungen seitens der brasilianischen Regierung, die in den Deutschen ideale Siedler für die Erschließung und landwirtschaftliche Nutzung des Hinterlandes sah. Die Einwanderer brachten europäische Landwirtschaftstechniken, handwerkliches Geschick und eine starke Arbeitsmoral mit, die wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung der neu gegründeten Kolonien beitrugen.

In den folgenden Jahrzehnten gründeten deutsche Einwanderer zahlreiche weitere Kolonien in den südlichen Staaten Brasiliens, vor allem in Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná. Jede Einwanderungswelle brachte Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Motivationen nach Brasilien, aber gemeinsam war ihnen der Wunsch nach Sicherheit und Prosperität. Diese neuen Siedlungen folgten oft einem ähnlichen Muster: Die brasilianische Regierung stellte Land zur Verfügung, das die Siedler roden und kultivieren sollten. Im Gegenzug erhielten sie die Aussicht auf Eigentum und ein neues Leben frei von den Zwängen, die sie in Europa zurückgelassen hatten.

Städte wie Blumenau, gegründet 1850 von Dr. Hermann Blumenau, und Joinville, gegründet 1851, wurden zu bedeutenden Zentren der deutschen Einwanderung in Brasilien. Diese Städte spiegelten nicht nur die landwirtschaftlichen Fähigkeiten und den unternehmerischen Geist der deutschen Einwanderer wider, sondern auch ihren Wunsch, Gemeinschaften zu schaffen, die ihre kulturellen Traditionen und Werte bewahrten. Die Einrichtung dieser und anderer Kolonien war ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung der Region und legte den Grundstein für die starke deutsch-brasilianische Identität, die bis heute in diesen Gebieten zu finden ist.

Siedlungsgebiete

Klimatisch bevorzugte Regionen

Klimatisch gesehen gelten die heutigen brasilianischen Bundesstaaten, Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul als warm gemäßigt und weisen in höheren Lagen sogar kühle Winter mit Temperaturen um den Gefrierpunkt auf. Aus diesem Grund ließen sich hier hauptsächlich Siedler und Kolonisten aus Mitteleuropa nieder. Doch auch die Bundesstaaten Espíritu Santo mit dem dort vorherrschenden Savannenklima und dem tropischen Rio de Janeiro hatten eine signifikante Zuwanderung aus dem deutschen Sprachraum zu verzeichnen.

In den letzten 200 Jahren kamen etwa 250.000 deutsche Auswanderer nach Brasilien, was zu schätzungsweise 5 Millionen Nachkommen von Brasilianern deutscher Abstammung geführt hat.


Deutsche Kolonien und Gemeinschaften

Die deutschen Kolonien in Brasilien, die sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert herausbildeten, waren nicht nur landwirtschaftliche Siedlungen, sondern auch Zentren kulturellen Lebens, das stark von den mitgebrachten Traditionen der Einwanderer geprägt war. Diese Gemeinschaften etablierten sich vor allem in den südlichen Regionen Brasiliens, wie Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná, wo sie sich durch eine bemerkenswerte Selbstständigkeit und eine enge Bindung an ihre kulturellen Wurzeln auszeichneten. Innerhalb dieser Kolonien spielten Kirchen und religiöse Institutionen eine zentrale Rolle, nicht nur als Orte des Glaubens, sondern auch als Bewahrer der deutschen Sprache und Kultur. Die kirchlichen Strukturen boten ein starkes soziales Netzwerk und förderten den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaften. Sie waren Orte, an denen Feste, Traditionen und Bräuche gepflegt wurden, die aus der Heimat mitgebracht worden waren. Dies trug zur Bewahrung der deutschen Identität bei, selbst in einem Land, das von einer völlig anderen kulturellen und sprachlichen Tradition geprägt ist. Die Kirchen dienten nicht nur der spirituellen Bedürfnisse der Gemeinschaft, sondern auch als Schulen, in denen Kinder in deutscher Sprache unterrichtet wurden, und als Versammlungsorte, die die kulturelle Kontinuität sicherten. Die deutschen Kolonien entwickelten ein hohes Maß an Eigenständigkeit, geprägt durch eine starke landwirtschaftliche Basis und das Entstehen kleiner Handwerks- und Handelsbetriebe. Diese ökonomische Selbstgenügsamkeit, kombiniert mit einer starken Gemeinschaftsorientierung, ermöglichte es den Einwanderern, ihre Traditionen, Sprache und kulturelle Identität über Generationen hinweg zu bewahren. Gleichzeitig förderte die Interaktion mit der brasilianischen Gesellschaft einen kulturellen Austausch, der zur Entstehung einer einzigartigen deutsch-brasilianischen Identität führte, die bis heute in diesen Regionen lebendig ist.


Kulturelle Aspekte

Die kulturellen Aspekte und das Erbe der deutschen Einwanderung in Brasilien bilden ein vielschichtiges Mosaik, das die Landschaft des Landes bis heute prägt. Deutsche Einwanderer haben nicht nur ihre Sprache und Bräuche mitgebracht, sondern auch ihre Feiertage, Musik, Tanz und kulinarischen Traditionen. Diese kulturellen Beiträge haben sich tief in das soziale Gewebe Brasiliens eingewoben, besonders in Regionen mit einer starken Präsenz deutschstämmiger Gemeinschaften. Eines der auffälligsten Beispiele für die Bewahrung deutscher Kultur in Brasilien sind die sogenannten „Sprachinseln“, Gebiete, in denen Deutsch noch immer gesprochen wird. Diese Sprachinseln sind lebendige Zeugnisse der anhaltenden kulturellen Identität und bieten einen einzigartigen Einblick in die Bewahrung der deutschen Sprache über Generationen hinweg. Zusätzlich dienen sie als Zentren für die Pflege deutscher Traditionen, einschließlich Musik, Tanz und Festen, die das ganze Jahr über stattfinden. Das Oktoberfest in Blumenau ist ein herausragendes Beispiel für die kulturelle Synthese, die durch die deutsche Einwanderung entstanden ist. Inspiriert vom Münchner Original, hat sich das Fest zu einem der größten außerhalb Deutschlands entwickelt und zieht jährlich Tausende von Besuchern an. Das Festival ist nicht nur eine Feier des deutschen Erbes, sondern auch ein Zeichen der Integration und Akzeptanz innerhalb der brasilianischen Gesellschaft. Es verbindet deutsche Traditionen mit brasilianischen Einflüssen, was zu einem einzigartigen kulturellen Erlebnis führt. Die deutsche Küche, mit ihren charakteristischen Gerichten und Backwaren, hat ebenfalls einen festen Platz in der brasilianischen Gastronomie gefunden. Restaurants und Bäckereien, die deutsche Spezialitäten anbieten, sind in vielen Städten zu finden und erfreuen sich großer Beliebtheit. Diese kulinarischen Traditionen sind ein weiterer Beleg für die dauerhafte Präsenz und den Einfluss der deutschen Kultur in Brasilien, die das Land kulturell bereichert und eine Brücke zwischen den beiden Nationen bildet.


Herausforderungen und Integration

Die Integration der deutschen Einwanderer in die brasilianische Gesellschaft war ein Prozess, der sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich brachte. Während die deutschen Kolonien in Brasilien zunächst relativ isoliert waren und eine starke Bewahrung ihrer kulturellen Identität anstrebten, führten verschiedene Faktoren dazu, dass diese Gemeinschaften zunehmend in den brasilianischen kulturellen und sozialen Kontext integriert wurden. Diese Integration war jedoch nicht frei von Schwierigkeiten. Sprachbarrieren stellten eines der größten Hindernisse dar, ebenso wie die Bewahrung der deutschen Kultur und Sprache, die in einem stark kontrastierenden kulturellen Umfeld Brasiliens oft als Herausforderung empfunden wurde. Politische Spannungen, besonders während der Weltkriege, führten zu weiteren Komplikationen. Die deutsche Gemeinschaft in Brasilien erlebte Phasen der Ausgrenzung und Diskriminierung, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs, als die brasilianische Regierung Maßnahmen gegen die sogenannten „Achsenmächte“-Gemeinschaften ergriff. Dies zwang viele deutsch-brasilianische Familien, sich noch stärker mit der brasilianischen Kultur zu identifizieren und die Nutzung der deutschen Sprache im öffentlichen Raum zu reduzieren. Trotz dieser Herausforderungen gelang es den deutsch-brasilianischen Gemeinschaften, eine einzigartige hybride Identität zu entwickeln, die sowohl Elemente ihrer deutschen Herkunft als auch der brasilianischen Kultur umfasst. Diese Integration zeugt von einer bemerkenswerten Anpassungsfähigkeit und einer tiefen Verbindung zur neuen Heimat, ohne dabei die Wurzeln zu vergessen. Heute spiegeln deutsch-brasilianische Festivals, kulinarische Traditionen und Bildungseinrichtungen die erfolgreiche Verschmelzung dieser Kulturen wider.


Moderne Entwicklungen und das heutige Erbe

Im 21. Jahrhundert zeugen die deutsch-brasilianischen Beziehungen von einer tiefen und vielfältigen Verflechtung, die weit über die historischen Anfänge der Einwanderung hinausgeht. Die moderne Dynamik zwischen Deutschland und Brasilien ist durch starke wirtschaftliche Partnerschaften, kulturellen Austausch und einen lebhaften Tourismus geprägt. Diese Verbindungen unterstreichen die fortwährende Bedeutung der deutschen Einwanderungsgeschichte für beide Länder und wie sich daraus eine reiche kulturelle und soziale Landschaft entwickelt hat. Das Erbe der deutschen Einwanderer ist in Brasilien allgegenwärtig und manifestiert sich in zahlreichen Aspekten des täglichen Lebens. Von Architektur und Festivals bis hin zu kulinarischen Traditionen und Bildungseinrichtungen spiegeln sich deutsche Einflüsse in der brasilianischen Kultur wider. Städte wie Blumenau, Joinville und Nova Petrópolis feiern ihr deutsches Erbe mit Stolz und bewahren es für zukünftige Generationen. Darüber hinaus spielen deutsch-brasilianische Schulen und Kulturvereine eine wichtige Rolle bei der Pflege der deutschen Sprache und Kultur. Sie bieten nicht nur Sprachunterricht an, sondern organisieren auch kulturelle Veranstaltungen, die die Verbindung zwischen den Generationen stärken und das kulturelle Erbe lebendig halten.

Rio Grande do Sul

Der südlichste Bundesstaat Brasiliens ist maßgeblich geprägt durch Einwanderung aus dem deutschsprachigen Raum. Noch heute ist Deutsch Pflichtfach an den dortigen Schulen.

Das  Riograndser Hunsrückisch  ist eine seit 200 Jahren in Südbrasilien weit verbreitete Minderheitensprache, deren Sprachentwicklung allerdings der im Herkunftsland hinterher hinkt, was zu einer interessanten sprachlichen Zeitkapsel führt, in der archaische Formen und Ausdrücke erhalten bleiben, die in Deutschland längst nicht mehr gebräuchlich sind.

Fachwerkarchitektur an der Rota Romântica in Nova Petrópolis, Wikimedia: © Larissa Fraga

Die malerische  Rota Romântica , bekannt als „Romantische Straße Brasiliens“ schlängelt sich durch die hügelige Serra Gaúcha, die Mitte des 19. Jahrhunderts vorrangig von deutschen Kolonisten besiedelt wurde. Deren Spuren sind in der Architektur und Kultur, einschließlich der Gastronomie, sichtbar, und in einigen Gemeinden lebt die Sprache Riograndenser Hunsrückisch weiter. Die rund 184 km lange Strecke verbindet São Leopoldo mit São Francisco de Paula und umfasst 14 Gemeinden, darunter auch bekannte Touristenziele wie Nova Petrópolis, Gramado und Canela, die Teil der touristisch beliebten Região das Hortênsias sind. Während São Leopoldo und Novo Hamburgo als urbane Zentren gelten, bieten die weniger entwickelten Orte unberührte Natur.

Santa Catarina

Haus Moellmann in Blumenau, Wikimedia: © Marinelson Almeida

Blumenau

Auch der Bundesstaat Santa Catarina (deutsch "Sankt Katharina") weist eine erhebliche Anzahl Deutschstämmiger auf. Am bekanntesten ist die Großstadt  Blumenau  mit über 300.000 Einwohnern, Fachwerkhäusern und dem  zweitgrößten Oktoberfest der Welt . Deutsch war hier seit der Gründung im Jahre 1850 für über 80 Jahre die vorherrschende Sprache mit Schulen, Theatern und Vereinen und darüber hinaus die Lingua franca in der gesamten Region.

Festzug beim Oktoberfest 2011, Wikimedia: © W. Feistler

Bedingt durch Nationalisierungskampagnen und Assimilierungsprozesse während der Phase des Estado Novo zwischen 1937 und 1954 wurde die Deutsche Sprache verboten. Dennoch hat sich bis heute in Teilen der Bevölkerung Deutsch als Umgangssprache erhalten.

Pomerode

Zusammenstellung deutscher Architektur in Pomerode, Wikimedia: © Allice Hunter

Etwa 25 km südlich von Blumenau liegt die südbrasilianische Kleinstadt  Pomerode  mit einem Anteil von über 90 Prozent deutschstämmiger Einwohner. Die Stadt wurde 1863 von Siedlern aus Pommern gegründet. Bis heute hat sich hier  Ostpommersch  Bzw.  Pomerano  als Umgangssprache und Deutsch als Schriftsprache gehalten, welches seit 2010 auch offizielle Zweitsprache in der Stadt ist. Hinsichtlich Kulinarik, Architektur und Festivitäten ist die pommersche Kultur hier allgegenwärtig.

Paraná

In Paraná kamen die ersten deutschen Einwanderer 1829 an und siedelten sich in Rio Negro an. Ab 1878 siedelten sich Wolgadeutsche (Russlanddeutsche) in Campos Gerais, in der Nähe von Ponta Grossa und Lapa an. 1951 gründeten Deutsche, die von Santa Catarina nach Paraná gezogen waren, die Kolonie Witmarsum in der Gemeinde Palmeira. In dieser Siedlung sind mehrere Dörfer in einer Genossenschaft zusammengeschlossen, in der die Einwohner Milch verarbeiten.

Typische Architektur in Entre Rios, Wikimedia: © Marcos Guerra

Etwa 500 donauschwäbische Familien gründeten 1951 die Kolonie Entre Rios (deutsch: Zwischenflüssen) mit typisch deutscher Architektur in der Gemeinde Guarapuava, wo sie Landwirtschaft betreiben. Hier gibt es auch ein kleines Einwanderermuseum in der  Donauschwäbisch-Brasilianischen-Kulturstiftung . Im Norden konzentrieren sich die Deutschen in Cambé, Rolândia, und im Westen in Marechal Cândido Rondon, wo jedes Jahr das berühmteste Oktoberfest von Paraná stattfindet. Auch in Curitiba sind sie recht zahlreich vertreten.

Kindergarten in Entre Rios, Wikimedia: © Marcos Guerra

Rio de Janeiro

Im 19. Jahrhundert trugen auch andere Völker wie Deutsche, Italiener, Schweizer, Spanier usw. zur Bildung der Bevölkerung des Bundesstaates bei. Hinzu kamen Brasilianer aus allen Bundesstaaten, die bis in die 1960er Jahre von der Hauptstadt des Landes, der Stadt Rio de Janeiro, angezogen wurden. Die ersten nicht-portugiesischen Einwanderer, die in diese Region kamen, waren Schweizer.

Wilhelm-Tell-Statue in Nova Friburgo, Wikimedia: © Josue Marinho

Zwischen 1819 und 1820 wanderten 261 Familien, insgesamt 1682 Personen, hauptsächlich aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen aus der Schweiz nach Brasilien aus und gründeten Nova Friburgo. Benannt nach ihrer Heimatstadt Freiburg, war dies die erste schweizerische und erste nicht-portugiesischsprachige Siedlung in Brasilien. Die Ansiedlung erfolgte ab dem 3. Mai 1824.

Plan von Petrópolis aus dem Buch von  Johann Jakob von Tschudi  "Reisen durch Südamerika"

Wenig später kamen Deutsche und Briten, die ebenfalls in die Berge zogen, vor allem in die Region von Petrópolis. Im Jahr 1825 wurde Petrópolis von deutschsprachigen Einwanderern, darunter viele aus Tirol, gegründet. Kaiser Dom Pedro II. wählte den Ort 1843 für seine Sommerresidenz aus, mit Julius Friedrich Koeler, einem gebürtigen Mainzer, als leitendem Architekten. Die für den Bau erforderlichen Handwerker und Arbeiter wurden vorwiegend aus Deutschland rekrutiert, was sich in der Namensgebung der Stadtviertel und Plätze widerspiegelt, die deutsche regionale Bezeichnungen tragen. Die deutsche Kultur spiegelt sich unter anderem in diversen Festen wieder, wie z.B. dem beliebten Bauernfest.

Das beliebte Bauernfest im Jahre 2009, Wikimedia: © Rodrigo Soldon


Espírito Santo

Pfarrhaus der Tiroler Gemeinde in Santa Leopoldina, Wikimedia: © Alberto Leoncio

Im Jahr 1846 gründeten deutsche Einwanderer aus dem Hunsrück die Kolonie Santa Isabel (Campinho). 1855 entstand durch eine private, später staatlich übernommene Gesellschaft, die Kolonie Rio Novo mit Schweizer, deutschen, niederländischen und portugiesischen Siedlerfamilien. In den Jahren 1856 bis 1862 erlebte die Kolonie Santa Leopoldina, gelegen am Itapemirim-Fluss bei Cachoeiro de Itapemirim, einen bemerkenswerten Anstieg deutscher Einwanderung aus Tirol, Luxemburg, der Schweiz und Deutschland.

Erinnerungstafel am Pfarrhaus der Tiroler Gemeinde, Wikimedia: © Alberto Leoncio

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Eine Storymap von

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In Zusammenarbeit mit der

Maria Leopoldine von Österreich im Alter von 18 Jahren, Gemälde von Joseph Kreutzinger 1815

Auch die Grundfarben der brasilianischen Flagge gehen auf Entwürfe von Maria Leopoldine zurück: Grün als Farbe des Hauses Bragança und Goldgelb als Farbe des Hauses Habsburg, hier zu sehen die 1. Flagge des Kaiserreiches Brasilien von 1822 bis 1853

Georg Anton Schäffer im Jahre 1836, Autor/in unbekannt

Visualisierung eines Auswandererhafens um 1820, Dall-E

Hafenszene in Bremerhaven um 1900, handkolorierte Postkarte

Auswandererlager der Hapag auf der Veddel, Hamburg 1907, Autor unbekannt

Querschnitt durch ein Auswandererschiff um 1850, Autor unbekannt

Visualisierung der Stimmung unter Deck, Dall-E

Visualisierung der Stimmung unter Deck, Dall-E

Fachwerkarchitektur an der Rota Romântica in Nova Petrópolis, Wikimedia: © Larissa Fraga

Haus Moellmann in Blumenau, Wikimedia: © Marinelson Almeida

Festzug beim Oktoberfest 2011, Wikimedia: © W. Feistler

Zusammenstellung deutscher Architektur in Pomerode, Wikimedia: © Allice Hunter

Typische Architektur in Entre Rios, Wikimedia: © Marcos Guerra

Kindergarten in Entre Rios, Wikimedia: © Marcos Guerra

Wilhelm-Tell-Statue in Nova Friburgo, Wikimedia: © Josue Marinho

Plan von Petrópolis aus dem Buch von  Johann Jakob von Tschudi  "Reisen durch Südamerika"

Das beliebte Bauernfest im Jahre 2009, Wikimedia: © Rodrigo Soldon

Pfarrhaus der Tiroler Gemeinde in Santa Leopoldina, Wikimedia: © Alberto Leoncio

Erinnerungstafel am Pfarrhaus der Tiroler Gemeinde, Wikimedia: © Alberto Leoncio

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