Trauer, Ehrung und Schuld
Gedächtnismale für Opfer der NS-Diktatur und des 2. Weltkrieges in Berliner evangelischen Kirchengemeinden
Einführung
Für die Online-Ausstellung auf dieser Internetseite wurden 42 Gedächtnismale ermittelt, die von Berliner evangelischen Kirchengemeinden aufgehängt bzw. errichtet wurden und die den Opfern des 2. Weltkrieges und der NS-Diktatur gewidmet sind. Sie zeugen von Trauer um im 2. Weltkrieg gefallene Angehörige oder andere Opfer der NS-Zeit, Ehrung besonderer Persönlichkeiten des Widerstands und Bekenntnissen zu Schuld, die die Kirche auf sich geladen hat.
Die Gedächtnismale wurden von uns den Opfergruppen nach in vier Kategorien eingeteilt: Kriegsopfer und Gefallene, Bekennende Kirche, Weitere Opfergruppen und Gedächtnismale, auf denen mehrere Opfergruppen zusammen genannt werden. Aus jeder Kategorie werden hier exemplarisch zwei bis drei Gedächtnismale vorgestellt.
Diese Online-Ausstellung soll zeigen, wie vielfältig sich das Gedenken in evangelischen Gemeinden Berlins gestaltet, und einen interdisziplinären Denkanstoß darstellen. Sie wurde im "Corona-Wintersemester" 2020/21 von einer Theologie- und einer Geschichtsstudentin als interdisziplinäres Projekt im Rahmen eines Seminars erstellt. Vorrangiges Ziel ist es, einen ersten Überblick über Gedächtnismale der Nachkriegszeit in Berliner evangelischen Kirchengemeinden zu geben und damit zum Weiterdenken anzuregen.
Kriegsopfer
Von den von uns ermittelten Gedächtnismalen ist der größte Teil den Opfern bzw. Gefallenen des 2. Weltkrieges gewidmet.
Wessen wird hier gedacht?
Der Begriff "Kriegsopfer und Gefallene des 2. Weltkrieges" ist ein Oberbegriff, unter den sich Millionen von Menschen fassen lassen. Im deutschen Nachkriegskontext wurden hauptsächlich die Zivilbevölkerung und Soldaten der Wehrmacht als Opfer in den Blick genommen. Diese Gedächtnismale erinnern somit nicht an die Opfer des nationalsozialistischen Regimes, sondern an die des Krieges. Erst ab den 1980er und besonders ab den 1990er Jahren wurden auch andere Opfergruppen im kollektiven Gedächtnis anerkannt.
Warum Gedächtnismale für Kriegsopfer / Gefallene?
Gedächtnismale für Gefallene und zivile Opfer des 2. Weltkrieges waren und sind u.a. eine Form von Seelsorge für die eigenen Gemeindeglieder. Viele Deutsche wussten nach Ende des Krieges nicht, wo sich die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen befanden (wenn es sie überhaupt gab). Sie brauchten also Orte, wo es möglich war, ihrer Angehörigen zu gedenken [1]. Öffentliche und halböffentliche Tafeln entlasten außerdem die individuelle Trauer: sie ist nicht mehr nur Aufgabe einer Einzelperson, sondern eines Kollektivs [2].
Anders als bei den Tafeln für die Gefallenen des 1. Weltkrieges finden sich auf den von uns ermittelten Tafeln für die Gefallenen des 2. Weltkrieges deutlich weniger „Helden-Deutungen“ – denn Denkmäler für „Deutschen Militarismus“ waren vom Alliierten Kontrollrat verboten. Die Trauer um den Tod wurde damit eher in den Fokus gestellt als das Heldentum der Soldaten [3]. Zum Teil wurden auch mehr oder weniger deutliche Aussagen über die eigene Schuld eingebunden oder "Totenmahnungen" ausgesprochen: Kriege fordern immer Opfer, daher müssen wir uns um Frieden bemühen.
Viele dieser Gedächtnismale werden heute kritisch diskutiert: auf der einen Seite wird argumentiert, dass Orte des Gedenkens für Angehörige bestehen bleiben können und sollten. Auf der anderen Seite werden Aussagen auf vielen Tafeln heute kritisch betrachtet [4]: Es werden Forderungen laut, Tafeln und Denkmäler zu kommentieren - schließlich kämpften und töteten die Soldaten auch in einem verbrecherischen Angriffskrieg für ein Unrechtssystem. Begriffe wie "Helden", "Opfer" (im Sinne vom engl. sacrifice, nicht victim) und "Vaterland" müssen kritisch hinterfragt werden. Andere gehen sogar noch weiter: So wurde beispielsweise im Jahr 1991 die 1953 errichtete, nun jedoch als unzeitgemäß betrachtete "Kriegsgedenkstätte" aus der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem entfernt, was in der Gemeinde durchaus kontrovers diskutiert wurde.
Die Ehrenhalle der Apostel-Paulus-Kirche Hermsdorf
In der Apostel-Paulus-Kirche in Berlin-Hermsdorf , ganz im Norden Berlins, befindet sich eine "Ehrenhalle", in der der Opfer des 1. und 2. Weltkrieges gedacht wird. Es handelt sich dabei um einen kleinen separaten Raum, der rechts von der Eingangshalle der Kirche abgeht. In einer langen Liste stehen die Namen und Todesdaten von den Gemeindegliedern, die ihr "Leben im Krieg gaben", was eher nach einem freiwilligen, aktiven Opfer klingt als nach einer (passiven) Tötung. Unter den vielen Namen von Männern finden sich auch einige wenige Namen von Frauen. In der Mitte der Tafel für die Opfer des 2. Weltkrieges ist der auferstandene Jesus Christus inmitten von Trümmern zu sehen.
Theologische Aussagen
Zwei Bibelzitate finden sich auf der großen Gedenktafel für die Opfer des 2. Weltkrieges. In der Mitte steht ein Satz Jesu aus dem Johannes-Evangelium : "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubet, der wird leben". Christ:innen glauben, dass Jesus den Tod besiegt hat und auferstanden ist, und dass alle, die an ihn glauben, ebenfalls auferstehen werden. Das verbietet eine Trauer über den Tod nicht, aber weitet den Blick: der Tod ist nicht das Ende. Die Angehörigen dürfen darauf hoffen, dass ihr geliebter Mensch bei Gott ist, an einem Ort, wo Gott alle Tränen von ihren Augen abwischen wird, wo der Tod nicht mehr sein wird noch Leid noch Geschrei noch Schmerz ( Offb 21 ).
Der andere Bibelvers findet sich in der oberen rechten Ecke der großen Tafel: "Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern". Christ:innen kennen diesen Vers aus dem Matthäus-Evangelium als Teil des Vaterunser -Gebets. Es ist ein Vers, der Unrecht und Schuld aufnimmt - und zwar von mehreren Seiten. Er nimmt sowohl die Schuld der Verstorbenen und ihrer überlebenden Angehörigen auf, als auch, dass sich andere Menschen den Gefallenen gegenüber schuldig gemacht haben. Er drückt Anspruch und Hoffnung zugleich aus: Wir Menschen müssen unsere eigene Schuld anerkennen, uns gegenseitig vergeben und Frieden schließen, dürfen aber auch darauf hoffen, dass Gott uns vergibt.
Gedenktafel in der Advent-Kirche
Diese Sandsteintafel wurde am 20. April 1962 im Kirchenvorraum der Advent-Kirche im Bezirk Prenzlauer Berg (ehemals Ost-Berlin) eingeweiht. Laut Pfarrer i.R. Pflug hing an dieser Stelle bis 1945 eine andere Tafel, vermutlich für den 1932 erschossenen SA-Scharführer Fritz Hellmann - dafür wurden jedoch bislang keine weiteren Belege gefunden.
Wessen wird hier gedacht?
Diese Gedenktafel erinnert an die Opfer des 1. und 2. Weltkrieges. Es kann vermutet werden, dass damit deutsche Soldaten und Zivilist:innen gemeint sind, da sie Teil eines Gedenkensembles ist und gegenüber von einem Kruzifix hängt, das mit Gold der Eheringe von Witwen aus der Gemeinde überzogen ist, deren Ehemänner im Krieg gefallen waren [5].
Theologische Aussage
Mit den Worten auf dieser Tafel weint Jesus im Lukas-Evangelium über die Stadt Jerusalem. Er weint darüber, dass diese Stadt, die er so sehr liebt, zerstört werden wird und viele Bewohner:innen sterben werden - weil die Menschen nicht erkennen, was zu ihrem Frieden dient. Das sieht er voraus. Jesus weint, leidet mit, angesichts von Krieg, Tod und Versagen. Und auch diese Tafel hat Krieg und Zerstörung vor Augen. Sie sagt: Auch wir haben nicht erkannt, was zu unserem Frieden dient: zwei Weltkriege mit ihren vielen Millionen Opfern zeigen unser Versagen. Gleichzeitig fordert die Tafel von uns, zu versuchen zu erkennen, was zu unserem Frieden dient - und danach zu handeln.
Gefallenendenkmal in der Luisenkirche
Mit geschmiedeten schwarzen Buchstaben an den Wänden ist die westliche Vorhalle der Luisenkirche (Charlottenburg) als Gedächtnisraum für die Gefallenen des 2. Weltkrieges gestaltet. Eingeweiht wurde der Gedächtnisraum vermutlich um 1959, damals gehörten noch vier Wandteppiche dazu [6].
Theologische Aussage
Inhaltlich besteht das Denkmal aus einem Bibelvers und einem Gedicht von Siegfried Goes , der selber im 2. Weltkrieg gefallen ist. Beide haben eine tröstende Aussage: Der Bibelvers "Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden" stammt aus der Bergpredigt , einer Sammlung von zentralen Worten Jesu. Er will Hoffnung machen: Die Leidenden sind nicht allein mit ihrer Trauer, sondern werden Trost finden. Das heißt nicht unbedingt, dass alles Leid sich einfach in Luft auflöst und dass Lösungen geboten werden. Trost heißt, dass die Leidenden mit ihrem Schmerz auf-, angenommen, in den Arm genommen werden [ Q ]. Ein Gefühl von Trost gibt auch das Gedicht: „Alle, die fielen in Meer und Land, sind gefallen in deine Hand; alle, die weinen in dunkler Nacht, sind von deiner Güte bewacht“. Denen, die Angehörige im Krieg verloren haben, wird zugesagt: dein geliebter Mensch ist bei Gott geborgen. Und auch du bist nicht alleine mit deiner Trauer. Selbst wenn alles um dich herum dunkel ist: Gott sieht dich, ist bei dir, wacht über dich.
Bekennende Kirche
Die nächstgrößere Gruppe von Tafeln ist Personen und Ereignissen aus dem Umfeld der Bekennenden Kirche (BK) gewidmet, sie sprechen von evangelischer Opposition und Widerstand.
Das Titelbild für diesen Abschnitt stammt aus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche . Diese hier abgebildete Gedenkstätte ist den evangelischen Märtyrern der Jahre 1933-1945 gewidmet.
Wessen wird hier gedacht?
Auch in der evangelischen Kirche fand die nationalsozialistische Ideologie viele Anhänger:innen. Anfang 1932 entstand die "Glaubensbewegung Deutsche Christen", die "an eine Verbindung von Christentum und Nationalsozialismus glaubte und tatkräftig auf eine national- und rassebewußte, alle jüdischen Einflüsse abstreifende und nach dem Führerprinzip geleitete deutsche Reichskirche hinarbeitete" [7]. Bei den evangelischen Kirchenwahlen 1933 erhielt sie eine große Mehrheit der Stimmen und stellte von nun an den Reichsbischof . Als Gegenbewegung entstand die "Bekennende Kirche", die sich 1934 auf der Bekenntnissynode von Barmen konstituierte und die Irrlehre eines germanisierten Christentums bekämpfen und die Autonomie der Konfession vor staatlichen Eingriffen bewahren wollte [8]. Von einer Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus kann bei ihr dennoch nicht gesprochen werden. Die Bewegung war gespalten. Einige Mitglieder waren staatstreu, andere wiederum sprachen sich offen gegen die Politik der Nationalsozialisten aus, setzten sich für Opfer des Regimes ein, wurden dafür selbst vom Regime unterdrückt und z.T. auch in Konzentrationslager oder Gefängnisse geschickt. Sie wurden zu Märtyrerfiguren, gestorben im christlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
Warum wird gedacht?
Menschen brauchen Vorbilder. Sie können inspirieren, ebenfalls für den eigenen Glauben einzustehen oder Verfolgten zu helfen. Im Laufe der 50er Jahre fokussierte sich kirchliches Erinnerungsnarrativ in der Bundesrepublik vor allem auf den radikalen Flügel der Bekennenden Kirche . Er sollte die Existenz eines "anderen", nicht nationalsozialistischen Deutschlands zeigen und damit auch die Führungsrolle der Kirche in der Nachkriegszeit legitimieren sowie mit den Persönlichkeiten des Widerstands moralische Orientierung liefern [9]. Auch heute noch sind solche Persönlichkeiten inspirierend. Das Gedenken an kritische Geister ist Anspruch und Mahnung zugleich, wach und mutig zu sein. Sie zeigen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Meinungen und Strukturen und Widerstand möglich waren und sind. Trotzdem sollten sie nicht als unfehlbare Helden in den Blick genommen werden, sondern als Menschen mit Fehlern und als Kinder ihrer Zeit [ Q ].
Beobachtungen
Allgemein fällt auf, dass die Tafeln aus dieser Kategorie im Unterschied zu den anderen nur selten theologische Aussagen enthalten. Von 16 Tafeln, die wir untersucht haben, enthielten nur vier eine theologische Aussage bzw. einen Bibelspruch, eine weitere Tafel zumindest eine ethische Aussage im Sinne einer Verpflichtung, aus der Geschichte zu lernen. Unsere Auswahl ist daher nicht repräsentativ. Die meisten Tafeln enthalten nur biografische Angaben zu der betreffenden Person bzw. historische Daten zu dem Ereignis, dessen gedacht wird. Hier kann gefragt werden, warum das so ist.
Kirchengemeinden könnten mithilfe von Bibelzitaten das Handeln der Personen theologisch einordnen und damit dazu aufrufen, nach ihrem Beispiel zu handeln, wie z.B. mit einem Vers, der zum Einstehen für seinen Glauben auffordert, oder mit einem Bibelvers wie "Tu deinen Mund auf für die Schwachen und für die Sache aller, die verlassen sind" ( Spr 31,8 ).
Tafel für Pfarrer Schwartzkopff an der Immanuelkirche
Am 21.11.2018 wurde von der Immanuel-Kirchengemeinde in Prenzlauer Berg eine Gedenktafel für Pfarrer Johannes Schwartzkopff aufgestellt, also 50 Jahre nach seinem Tod.
Wessen wird hier gedacht?
Pfarrer Schwartzkopff gehörte, bevor er an die Immanuelkirche kam, in Mecklenburg zu den führenden Mitgliedern des Pfarrernotbunds , der sich 1933 als Reaktion auf die Einführung des Arierparagraphen in der Kirche gegründet hatte, und der Bekennenden Kirche . In Berlin half er Menschen, die aufgrund der Nürnberger Gesetze verfolgt wurden. Er taufte Jüd:innen, versteckte sie oder vermittelte sie weiter. Zudem setzte er sich auch für einen homosexuellen Kollegen ein.
Die Mitglieder der Bekennenden Kirche lehnten die Einführung des Arierparagraphen in der Kirche entschieden ab. Für sie stand er im Gegensatz zur Taufe als Sakrament, das mehr als die nationalsozialistischen Rassegesetze gelte. Dennoch bezog sich der Widerstand zum größten Teil nur auf das innerkirchliche Leben. "Die staatliche Verfolgung und der Ausschluss der sogenannten nicht-arischen Christen und der Juden aus der Gesellschaft wurden nicht kritisiert, weil die Überzeugung herrschte, dass die Kirche dem Staat nicht hineinreden dürfe. Die "Bekennende Kirche" hat infolgedessen bis auf ein paar Ausnahmen weitgehend geschwiegen zu dem Unrecht." [ Q ]
Gestaltung
Auf dem Foto hier ist nur eine Seite der Tafel zu sehen, nämlich die, die zur Straße zeigt. Hier finden sich grundlegende Informationen zu Pfarrer Schwartzkopff. Auf der Rückseite , die vom Kirchhof aus zu lesen ist, stehen weitere biografische Informationen sowie zwei Bibelzitate: eines, das Schwartzkopff als Schlusszitat in seiner Examensarbeit genutzt hat, und eines aus seinem Nachruf.
Theologische Aussagen
"Das Heil kommt von den Juden" - mit diesem Satz Jesu aus dem Johannes-Evangelium ist die Tafel überschrieben: Der Gott, der durch Jesus wirkt, ist der Gleiche wie der, der mit den Jüd:innen schon einen Bund geschlossen hat. Sie sind Gott zuerst begegnet und Gott hat sein Volk nicht verworfen, sondern ist ihnen auch heute noch weiterhin treu. Jesus Christus selbst kommt aus dem Judentum. Dass die meisten Christ:innen ihren jüdischen Mitmenschen in der NS-Zeit nicht zur Seite standen oder den Antisemitismus gar theologisch untermauerten, ist daher nicht hinnehmbar.
Die Tafel schließt mit den Worten Jesu "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan" ( Mt 25,40 ). Tun ist hier im positiven Sinne von für jemanden tun zu verstehen. Dieser Satz ist eine Aufforderung, seine Mitmenschen nicht schlecht zu behandeln oder auch nicht wegzusehen, sondern aktiv zu helfen. Jesus erklärt den Satz mit konkreten Beispielen: wer Hungrigen zu essen gibt, Fremde aufnimmt, Nackte kleidet und sich um Kranke und Gefangene kümmert, der tut das auch für Jesus, dem wir im Mitmenschen begegnen. Der Satz soll daran erinnern: Wo ein Mensch leidet, leidet Jesus mit ihm; wo wir einem Menschen Leid zufügen, fügen wir Jesus Leid zu.
Tafel in der ev. Kirchengemeinde Nikolassee
Die Tafel in der ev. Kirchengemeinde Nikolassee , einer Gemeinde im Südwesten Berlins, wurde vom Bildhauer Heinz Spilker geschaffen. Sie hängt im Kirchraum an der hinteren Wand.
Woran wird hier erinnert?
Im "Dritten Reich" war die Evangelische Kirche der Altpreußischen Union (APU) tief gespalten. Die meisten Pfarrer und Gemeindeglieder begrüßten die Machtübernahme durch die NSDAP. Dies führte zu einer Spaltung innerhalb der evangelischen Kirche. Am 31. Mai 1934 versammelten sich Christ:innen aus ganz Deutschland in Barmen zur Synode der Bekennenden Kirche. Es wurden 6 Thesen formuliert, die die Grundprinzipien des Glaubens definieren und sich gegen die "Irrtümer der Deutschen Christen" wandten. Der Kurmärkische Kirchentag war eine Versammlung mit 600 Teilnehmenden, die drei Wochen zuvor in der Kirche von Nikolassee stattfand und von der Gestapo aufgelöst wurde [10]. Die anwesenden Christ:innen aus der Mark Brandenburg hatten dort ähnliche Grundsätze verkündet.
Auf der 6. Bekenntnissynode der APU wurde hauptsächlich die Anordnung eines Treueeides auf Hitler durch kirchliche Mitarbeitende diskutiert und abgelehnt [11]. Die 7. Bekenntnissynode erklärte, "sich das Amt der Kirchenleitung nicht nehmen zu lassen. Ihre vordringliche Aufgabe sei es, für die richtige Verkündigung zu sorgen, sich von falscher Lehre zu scheiden und sich damit von der staatskirchlichen Behörde zu distanzieren. Das vom Staat als illegal angesehene eigene Prüfungswesen der BK wurde als das allein legitime betrachtet." [12]
Theologische Aussage
„Gottes Wort ist nicht gebunden.“ - der Satz aus dem 2. Timotheusbrief wird verständlich, wenn man ihn im Kontext liest. "Paulus" befindet sich in Gefangenschaft, er ist gefesselt, gebunden. Der auf dieser Tafel zitierte Satz redet aber gegen die Resignation an: "Zwar können Menschen die Verkündiger des Evangeliums außer Gefecht setzen; aber sie können nicht verhindern, dass Gottes Wort trotzdem wirkt." [13].
„Jesus Christus gestern heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ - Dieser Vers aus dem Hebräerbrief besagt, dass Jesus ein Bürge dafür ist, dass "Standhaftigkeit sich lohnt" [14], dass es eine gerechte "neue Ordnung" geben wird und Gott "treu zu seinen Verheißungen steht" [15]. Er war es für die vorherigen Generationen, ist es jetzt und wird es immer sein. Doch er ist nicht nur Beispiel, sondern auch das Fundament, "auf dem stehend die Glaubenden selbst angesichts des Todes standhalten können" [16]. Auf Jesus allein, und nicht auf vorübergehende Ideologien, wollte die Bekennende Kirche sich stützen, an seinen Werten sich orientieren. Nicht die Politik gibt die Auslegung der Bibel vor.
Weitere Opfergruppen
Neben den Gedächtnismalen, die an Gefallene und Opfer des 2. Weltkrieges und an Mitglieder der Bekennenden Kirche erinnern, bei denen es also in erster Linie um Trauer und Ehrung eigener Gemeindeglieder oder besonderer (christlicher) Persönlichkeiten geht und die den größten Anteil der Tafeln darstellen, gibt es auch noch einige Gedächtnismale, die sich mit weiteren besonderen Opfergruppen beschäftigen. Die meisten dieser Gedächtnismale denken an die Jüd:innen (und teilweise auch an "Christ:innen jüdischer Herkunft"), die der NS-Diktatur zum Opfer gefallen sind. Seit den 2000ern wird zudem noch kirchlicher Zwangsarbeiter gedacht.
Das NS-Regime forderte aber auch viele Opfer, derer auf den von uns ermittelten Tafeln nicht gedacht wird. Dazu gehören z.B. Homosexuelle (an deren Diskriminierung die Kirche einen hohen Anteil hatte), Menschen mit Behinderungen und unheilbaren Krankheiten , Wohnungslose, Suchtkranke, Prostituierte, Empfänger:innen von Sozialleistungen , Sinti:zze und Rom:nja und andere ethnische Minderheiten, sowie politisch Verfolgte.
Das Titelbild für diese Kategorie ist der Gedenkstein für das kirchliche Zwangsarbeiterlager auf dem Friedhof an der Neuköllner Hermannstraße , der im Jahr 2002 eingeweiht wurde. Mehr Informationen dazu gibt es weiter unten.
Tafel in der Dorfkirchengemeinde Lankwitz zur Erinnerung an das kirchliche Zwangsarbeiterlager
Im Gemeindehaus der Dorfkirchengemeinde Lankwitz hängt im Eingangsbereich eine Stahltafel, unter der ein kleiner schwarzer Stein mit der Aufschrift "Lankwitz" angebracht ist. Eingeweiht wurde die Tafel im Rahmen eines Gottesdienstes am 16.11.2011 .
Wessen wird hier gedacht?
Auf dem Friedhof an der Neuköllner Hermannstraße existierte von 1942-1945 ein Zwangsarbeiterlager , das von der Kirche geplant, finanziert und betrieben wurde. 42 christliche Gemeinden waren daran beteiligt, eine von ihnen war die Gemeinde Lankwitz.
Im "Friedhofslager" lebten und arbeiteten etwa 100 "Ostarbeiter" - aus der Sowjetunion völkerrechtswidrig verschleppte, teilweise noch minderjährige Zivilisten. Sie mussten schwere Arbeit auf kirchlichen Friedhöfen leisten, während sie z.T. misshandelt , nur mangelhaft ernährt und kaum entlohnt wurden, in einer engen und dreckigen Baracke schliefen, durch Kontaktverbote von anderen Menschen isoliert wurden und wegen der Nähe zum Flughafen Tempelhof verstärkt durch Bombenangriffe gefährdet waren.
Nach dem Krieg geriet die Geschichte dieses Lagers zunächst völlig in Vergessenheit, bis in den frühen 2000er Jahren Erinnerungsprojekte durch die Kirche ins Leben gerufen wurden. Dazu gehörte in erster Linie die Anerkennung der Schuld . Die evangelische Kirche beteiligte sich zudem mit 10 Millionen DM am Fonds der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft und suchte noch lebende ehemalige Zwangsarbeiter auf.
Gestaltung
Die Tafel ist nicht leicht zu lesen - der Grund ist, dass sie nicht professionell hergestellt wurde, sondern in der Gemeinde selbst. Im Sommer 2011 wurde vor allem von Jugendlichen, aber auch von Mitgliedern des Gemeindekirchenrates und der Lankwitzer AG NS-Zwangsarbeit die Inschrift mit Schlag-Buchstaben in die Stahltafel geschlagen. Die Tafel soll bewusst keine glatt geschliffene Ausführung haben. Dies soll die Rohheit des Eingriffs widerspiegeln, den die Verschleppung und Behandlung der Zwangsarbeiter darstellte. Hier ist der Text der Tafel zum Nachlesen.
Unter der Stahltafel ist ein kleiner Stein mit der Aufschrift "Lankwitz" angebracht, der zum Gedenkstein auf dem Friedhof an der Hermannstraße (s.o.) gehört. Die kleinen Namenssteine wurden in die einzelnen beteiligten Gemeinden gegeben, mit der Einladung, ihn jährlich am Volkstrauertag im Rahmen einer gemeinsamen Andacht auf dem großen Stein abzulegen.
Theologische Aussage
„Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ – mit diesem Vers aus dem 1. Johannesbrief ist die Tafel überschrieben. Sünde ist ein stark religiös geprägter Begriff, der nicht unbedingt eine einzelne Handlung beschreibt: ein Mensch „hat Sünde“, wenn er sich in einem Zustand von Gottesferne oder Entfremdung befindet, die Beziehung zwischen Gott und Mensch wegen der Grundhaltung des Menschen gestört ist. Das zeigt sich darin, dass der Mensch nicht das tut, was Gott sich für ihn wünscht [17]. Und genau hier legt der Text den Finger in die Wunde: in diesem Zustand befinden wir uns alle. Die Gedenktafel will sagen: Wir als Gemeinde geben zu, dass unser Handeln nicht so war, wie Gott es sich für uns wünscht. Es war unmoralisch und falsch. Aus dem Abstand von über 60 Jahren erscheint uns die Beteiligung am kirchlichen Zwangsarbeiterlager eindeutig als Sünde, als Schuld [18]. Und mit dieser Schuld müssen wir uns auseinandersetzen. Alles andere wäre Lüge, wäre Selbstbetrug, und würde uns weiter von Gott entfremden.
Gedenkstein für die Novemberpogrome an der Hochmeisterkirche Halensee
Vor der Hochmeisterkirche in Halensee (Berlin-Wilmersdorf) findet sich ein schlichter Gedenkstein aus Granit. Als 1988 die Kirche umgebaut wurde, hat Günter Anlauf sie (zusammen mit drei weiteren Gedenktafeln ) aus der alten Altarplatte geschlagen.
Dass gerade in dieser Zeit mit einem Stein der jüdischen Opfer gedacht wird, ist kein Zufall: Die Ausstrahlung der amerikanischen TV-Serie "Holocaust" 1979, die von sehr vielen Menschen gesehen wurde, gilt als Teil einer tiefgreifenden Zäsur, die die rassistische Verfolgung ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Mitte der 80er Jahre fand zudem eine große Bezeichnungsdebatte statt: der vorher verwendete Begriff "(Reichs-)Kristallnacht" wurde als verharmlosend bezeichnet und man ging in der Bundesrepublik Deutschland dazu über, von " Pogrom " zu sprechen.
Wessen wird hier gedacht?
Diese Gedenktafel erinnert an die jüdischen Opfer der Novemberpogrome am 9./10. November 1938. SA-Truppen setzten landesweit alle Synagogen in Brand, Symbole jüdischen Lebens wurden angegriffen, gezielt geplündert und zerstört. In den Medien wurde dieser Gewaltausbruch bewusst falsch als spontaner Aufstand dargestellt. Die Bevölkerung blieb überwiegend Zuschauer, nur wenige Stimmen erhoben sich zur Verteidigung der Jüd:innen oder zum offiziellen Protest gegen die stattfindenden Aktionen. Zu diesem allgemeinen Schweigen kam noch das der Kirchen hinzu, die nicht Stellung bezogen haben.
Die Zahlen dieser Massaker sind schrecklich: 267 Synagogen wurden zerstört, viele jüdische Viertel wurden niedergebrannt, private und öffentliche Plätze wurden zerstört, Geschäfte wurden vernichtet. Mindestens 91 Jüd:innen wurden ermordet und 30.000 Menschen wurden verhaftet und in die Lager Dachau und Buchenwald deportiert. Die jüdische Gemeinschaft war von zahlreichen Wellen von Selbstmorden betroffen und immer mehr Familien wanderten nach Palästina oder Westeuropa aus.
Im Jahr 1932 waren mit 26.607 Menschen 13,6 % der Wilmersdorfer Bevölkerung jüdisch, 1938 waren es noch 6,7% und 1945 leben in ganz Berlin noch 7000 jüdische Menschen [ Q ].
Theologische Aussage
Als Anklage ist der Satz aus 1. Mose 4 zu verstehen. In der Bibel wird er von Gott an Kain gerichtet: Kain, der Sohn von Adam und Eva , hat seinen Bruder Abel getötet. Gott tritt als Anwalt Abels auf, fragt Kain nach seinem Bruder. Kain bestreitet die Verantwortung für seinen Bruder und leugnet seine Schuld. Diese holt ihn aber sofort ein: denn der Acker, auf dem er seinen Bruder ermordet hat, ist blutgetränkt. Auf diesem Gedenkstein wird diese Geschichte nun übertragen und klar Stellung bezogen: Christ:innen und Jüd:innen sind als Kinder Gottes und aufgrund gemeinsamer Glaubenstraditionen Geschwister, gehören zusammen. Wo jedoch eine liebevolle Beziehung hätte sein müssen, fand sich Gewalt, Schrecken, Mord. Christ:innen haben sich daran beteiligt oder weggeschaut. Die Novemberpogrome sind eine Schuld, die bleibt und die nicht vergessen werden darf.
Mehrere Opfergruppen
Die meisten Gedächtnismale beschäftigen sich mit einer einzelnen Opfergruppe. Doch einige wenige Tafeln nennen mehrere Opfergruppen auf ihrem Gedächtnismal.
Mahnmal in der Johanneskirche Schlachtensee
Im Vorraum der Johanneskirche wurde bei der Neugestaltung des Innenraums Ende der Fünfziger Jahre ein Mahnmal errichtet. "Sein Text stammt von Hellmuth Linke, der von 1949 bis 1974 Pfarrer in der Gemeinde war. Die Schrift wurde von Gunter Otto gestaltet. Der Text des Mahnmals hat damals viel Widerspruch hervorgerufen, besonders stieß man sich an der Hervorhebung der Juden als Opfer. Zugleich gab es Zustimmung und Dankbarkeit, zu einer anderen Form des Gedenkens zu kommen." [ Q ] Denn in den 50ern und 60ern standen in der kirchlichen und staatlichen Gedenkarbeit der Bundesrepublik eigentlich eher die deutschen Kriegsopfer und die "Helden" des Widerstandes im Fokus.
Wessen wird gedacht?
Dieses Gedächtnismal erinnert an die Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs: Getötete Soldaten, zivile Opfer, "Euthanasie"-Opfer , Juden, aber auch Menschen im Widerstand, die für ihren Einsatz gegen das Nazi-Regime bzw. für ihren Glauben getötet wurden. Es ist ein Mahnmal, das ein Panorama des Grauens des Krieges vermittelt, der Unrecht, Verzweiflung und Tod bringt. Die hier genannten Menschen haben ihr Leben gewaltsam verloren - durch systematische Verfolgung oder durch den 2. Weltkrieg, bei dem auch etwa 600.000 Deutsche durch die amerikanischen und britischen Bombenangriffe starben, darunter 75.000 Kinder unter 14 Jahren. 160 Städte wurden zwischen 1940 und 1945 zerstört.
Theologische Aussagen
Das Mahnmal ist zugleich Klage, Schuldbekenntnis, Selbstanspruch und Gebet. Der erste Satz spricht von einem heimsuchenden Gott, vermittelt also die Vorstellung eines "Einschreitens Jahwes, das für Vergehen und Unterlassungen zu Rechenschaft und Verantwortung zieht" [19]. Das Mahnmal spricht von eigener Schuld, dessen Folge die Nöte und Schrecken des Krieges waren - und damit von einem aktiven Eingreifen Gottes in die Geschichte. Doch die Bibel beschreibt eindrücklich, dass Menschen falsche Wege verlassen können und dem zeitlich begrenzten Zorn Gottes immer die ewige, wesenhafte Güte entgegen steht (z.B. Ps 30,6 ) [20]. Gott wendet sich dem Menschen mit seiner Liebe und seinem Erbarmen zu. Diese Hoffnung drückt auch das Mahnmal aus: dass Gott sich in Liebe dem Menschen zuwendet, ihn durch diese Liebe verwandelt und ihn zu Boten seines Frieden macht.
Mahnmal auf dem Kirchhof St. Annen
Vor der St.-Annen-Kirche Dahlem steht ein Mahnmal für die Opfer von Rassenwahn, Krieg und Diktatur. Nach vielen Diskussionen wurde es in einem Gottesdienst am Sonntag, 18. Februar 1996 eingeweiht und aufgestellt. In Anlehnung an die Kennzeichnung der Gefangenen in den Konzentrationslagern hat der Lichtkünstler Nikolaus Koliusis ein auf die Spitze gestelltes Dreieck aus Eisen gestaltet, in das hinein er die Buchstaben stanzte. Die Tafel wird von drei Stäben schräg liegend gehalten und etwa in drei Metern Höhe aufgestellt.
Wessen wird gedacht?
Diese Gedenktafel erinnert an die unzähligen Opfer von "Rassenwahn, Krieg und Diktatur". Dabei will sie explizit "für die Zukunft" erinnern: Die Vergangenheit darf nicht vergessen werden, sondern aus ihr muss immer wieder neu gelernt werden. Gerade heute in einer Zeit von sichtbarer werdendem Antisemitismus, Rassismus und zunehmender Bedrohung von Demokratien weltweit ist diese Mahnung relevant.
Die Dahlemer Gemeinde war unter der Leitung von Martin Niemöller, einer wichtigen Persönlichkeit der Bekennenden Kirche, zum Zentrum Bewegung geworden. Wegen seiner oppositionellen Tätigkeit wurde Niemöller 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Nach dem Krieg engagierte er sich in der Friedensbewegung. Eine weitere Gedenktafel ist ihm an seinem Pfarrhaus Thielallee 1 gewidmet.
Theologische Aussage
Das Mahnmal ist sowohl Trost und Hoffnung als auch Mahnung und Anspruch. Es sagte aus: Alle, die Leid erlebt haben und erleben, die verloren sind , die zerbrochen sind, sind von Gott gesehen und bei Gott geborgen. Gott kennt jede:n einzelne:n von ihnen mit ihren jeweiligen Erfahrungen und vergisst keine:n - auch nicht die, die von der Gesellschaft vergessen werden. Auf der anderen Seite enthält das Mahnmal auch eine Bitte um Unterstützung, damit wir den Weg des Friedens gehen können. Am Schluss steht die Bitte "Kyrie eleison" - griechisch für "Herr erbarme dich!"
Weitere Gedächtnismale
Die vorgestellten Gedächtnismale stellen nur einen kleinen Teil der Gedächtnismale evangelischer Kirchen Berlins dar. Alle zu betrachten, würde den Rahmen dieser Online-Ausstellung sprengen. Wenn Sie aber selbst noch mehr wissen wollen, sich mehr von ihnen ansehen wollen, dann können Sie diese Karte als Ausgangspunkt nehmen. Hier haben wir alle anderen Gedächtnismale aufgeführt, die wir gefunden, aber mit denen wir uns in dieser Ausstellung nicht weiter befasst haben. Dazu laden wir Sie herzlich ein.
Wegen der Corona-Pandemie haben wir in der Zeit, in der wir diese Ausstellung erarbeitet haben, nicht von allen Gemeinden eine Rückmeldung erhalten können. Wenn also Ihr Gedächtnismal auf der Liste fehlt, schreiben Sie uns gerne eine E-Mail .
Fazit und Ausblick
Trauer - Ehrung - Schuld
Der Titel der Ausstellung spiegelt die drei Hauptthemen der untersuchten Gedenktafeln wider, sowohl in chronologischer Reihenfolge als auch in der Häufigkeit ihres Erscheinens. Die ersten Nachkriegsjahre waren vor allem eine Zeit des Trauerns. Gefallene Soldaten wurden geehrt und als (passive) Opfer dargestellt, aus sacrifices wurden victims. Allmählich entwickelte sich im Zusammenhang mit der allgemeinen Erinnerungspolitik in der (west-)deutschen Gesellschaft ein Bedürfnis nach einem Beweis der Existenz eines "anderen", nicht nationalsozialistischen Deutschlands, weshalb Persönlichkeiten des Widerstands ehrend gedacht wurde. Seit den 1970er- und vor allem den 1980er- und 1990er-Jahren trat verstärkt das Thema Schuld in der Erinnerungskultur in den Vordergrund und es wurde kritisch dekonstruiert. Inzwischen sterben nach und nach Zeitzeug:innen. Mit dem Verlust dieser Zeitzeug:innen muss nun umgegangen werden.
Die meisten der Gedächtnismale, die an Personen erinnern, sind Ehrungen für Persönlichkeiten, die positiv gewertet wurden, seien es Widerstandskämpfer, wichtige Mitglieder der bekennenden Kirche oder eigene Angehörige, die im Krieg gefallen sind. Von den 42 aufgeführten Gedächtnismalen erinnern nur 12 explizit an andere Opfergruppen, also weniger als ein Drittel.
Trauer
Gedächtnismale für Opfer des 2. Weltkrieges sind umstritten. Sie sind Zeugnisse für die jeweils aktuelle Auffassung von Gedenken und damit als wichtige Quellen erhaltenswert. Zum Teil werden sie immer noch als Orte der persönlichen Trauer genutzt. Es soll aber auch die Möglichkeit zur Diskussion über die Art und Gestaltung des Gedenkens geben. Kirchengemeinden müssen sich damit auseinandersetzen, was sie erreichen möchten: soll weiter Seelsorge geleistet werden, soll Aufklärungsarbeit geleistet werden? Sollen unkommentiert weiter Menschen geehrt werden, die andere Menschen getötet haben, ohne dass zeitgleich auch an andere Opfergruppen erinnert wird?
Ehrung
Durch Gedächtnismale für Persönlichkeiten des Widerstands kann an Personen erinnert werden, die als Vorbild dienen können. Es ist wichtig, sich an sie und ihre Handlungen zu erinnern. Dennoch ist zu hinterfragen, aus welchen Gründen diese Gedenktafeln aufgehängt wurden, ob es angemessen ist, sie mit theologischen Reflexionen zu versehen, und die Personen als "Kinder ihrer Zeit" auch kritisch zu betrachten.
Die vergleichsweise vielen Gedächtnismale zu Ehren von Mitgliedern und Versammlungen der Bekennenden Kirche können zudem ein verzerrtes Bild von der Bedeutung der Bewegung vermitteln. Der Widerstand blieb ein weitgehendes Minderheitenphänomen, auch innerhalb der Kirche. Der Protestantismus war, so Manfred Gailus, die „Haupteinbruchsstelle“ für den Nationalsozialismus in die Gesellschaft [21]. Die Kirche machte sich aktiv schuldig, vor allem durch die Übernahme und aktive Unterstützung nationalsozialistischer Ideologien, z.B. mit antisemitischer Theologie und ihrer Bildungsarbeit (so forderten einige Pfarrer ihre Konfirmanden auf, Bibelstellen wie "Das Heil kommt von den Juden" zu schwärzen), aber auch durch die bewusste Einführung des Arierparagraphen in das Kirchenrecht, das Werk von Karl Themel in der Kirchenbuchstelle oder das Betreiben eines Zwangsarbeitslagers.
Schuld
Nach dem Ende des Krieges wurde das Thema "Schuld" mit der Stuttgarter Schulderklärung 1945 und dem Darmstädter Wort 1947 durch die Kirche öffentlich angesprochen. Allerdings war die "Schuldfrage" sehr emotional besetzt und daher nur schwer diskutierbar. So war das Stuttgarter Schulbekenntnis sehr allgemein gehalten, wurde aber stark diskutiert und löste Empörung, Unverständnis und heftigen Widerspruch aus. Zuspruch gab es nur wenig [22].
Positiv ist zu sehen, dass in den letzten Jahren wieder verstärkt die Schuld der Kirche in den Blick genommen wurde. Die Erinnerungskultur hat in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz einen größeren Stellenwert bekommen und auch das Thema Schuld wurde und wird in ihren vielfältigen Ausprägungen immer mehr aufgearbeitet. Als Beispiele sind dort die Entstehung einer Gedenkstätte für Zwangsarbeiter zu nennen oder die (bereits laufende oder geplante) kritische Aufarbeitung der Biografien von Pfarrern und anderen kirchlichen Mitarbeitenden. Dennoch ist diese Arbeit natürlich noch nicht abgeschlossen. Aufarbeitung geschieht, jedoch spricht nur eine kleine Minderheit von Gedächtnismalen von einer Schuld der Kirche. Auf der anderen Seite können auch Gedächtnismale für Mitglieder der Bekennenden Kirche so gelesen werden, dass Widerstand möglich gewesen wäre, es aber bei einer Minderheit geblieben ist, die die Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus abgelehnt hat.
Gedächtnismale in Berliner evangelischen Kirchengemeinden
Gedächtnismale sagen meist mehr über die Zeit aus, in der gedacht wird, als über die Zeit, der gedacht wird. Daher muss bei jedem Gedächtnismal gefragt werden, wer sie wann und warum aufgehängt hat. Was war der Anlass, was die Intention? Auch Kirchengemeinden, die heute planen, eine Gedenktafel anzubringen, sollten sich fragen: Von welchem Standpunkt aus schaue ich auf das Ereignis, wie bewertet und interpretiert meine Tafel das Ereignis oder die Person?
Bei der Betrachtung der Verteilung zwischen dem ehemaligen Westen und Osten der Stadt fällt auf, dass sich die Gedächtnismale heute überwiegend im ehemaligen Westen Berlins befinden. Hier kann vermutet werden, dass es unterschiedliche Narrative der (Kirchen-)Geschichte und Entwicklungen der Gedenkkultur in Ost und West gegeben hat. Zu Beginn unserer Arbeit hatten wir vermutet, in den Kirchen im ehemaligen Osten der Stadt Gedenktafeln zu finden, auf denen von den "Opfern des Faschismus" die Rede war. Dies war jedoch nicht der Fall, so fanden wir beispielsweise im Kirchenkreis Lichtenberg keine Gedenktafeln in Kirchen, aber auf einigen Friedhöfen. Das ist erstaunlich, weil sich z.B. in der Prignitz (Brandenburg) viele Gedächtnismale finden, wie Dr. Sylvia Müller-Pfeifruck gezeigt hat. Leider kann diese Arbeit nicht leisten, die Unterschiede zwischen Ost und West weiter zu beleuchten. Das würde den Rahmen sprengen. Es ist jedoch wichtig anzumerken und sollte weitergedacht werden.
Bei unseren Recherchen fanden wir auch Formen des Gedenkens auf kirchlichen Friedhöfen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die Auswahl auf Erinnerungstafeln in und an Kirchengebäuden und Gemeindehäusern einzugrenzen.