Deutscher Sprachraum
Eine Weltreise durch die Deutsche Sprache
Völker im Deutschen Sprachraum
Im Laufe der Zeit, teilweise lange bevor von einer deutschen Sprache oder einem deutschen Volk überhaupt gesprochen werden kann, haben verschiedene andere Völker ihre Spuren im deutschen Sprachraum hinterlassen.
Kelten
- ca. 800 v.u.Z. bis ca. 50 v.u.Z.
Die keltische Präsenz und ihre geografische Verortung korrespondieren mit der eisenzeitlichen Späthallstattkultur in Mitteleuropa, die sich etwa zwischen 800/750 v. Chr. entwickelte. Ursprünglich aus den spätbronzezeitlichen Urnenfelderkulturen hervorgegangen, erstreckte sich diese Kultur von Ostfrankreich bis Österreich und den angrenzenden Ländern. Die Hallstattkultur breitete sich von Slowenien über Österreich, das nordwestliche Ungarn, die südwestliche Slowakei, Tschechien, Süddeutschland und die Schweiz bis nach Ostfrankreich aus.
Einige deutsche Wörter, vermutlich aus dem Gallischen, stammen direkt aus keltischen Sprachen:
Keltenfürst von Glauberg, Wikimedia: © Muck
Römer
- 55 v.u.Z. - ca. 450 u.Z.
Die römische Epoche in Germanien erstreckte sich über einen Zeitraum von etwa 500 Jahren.
Gaius Iulius Caesar überquerte 55 v. Chr. erstmals den Rhein mit Truppen. Ab 13/12 v. Chr. führte Drusus unter Kaiser Augustus mehrere Feldzüge in Germanien durch, und die Versuche, das Gebiet östlich des Rheins bis zur Elbe als Provinz zu etablieren, dauerten nahezu 30 Jahre an. Diese Epoche führte zur römischen Prägung des südlichen Deutschlands, erkennbar an zahlreichen archäologischen Funden wie Straßen, Gutshöfen und Stadtgründungen.
Die deutsche Sprache hat eine Vielzahl von Lehn- und Fremdwörtern aus dem Lateinischen übernommen, besonders in Bereichen, die durch den römischen Einfluss geprägt wurden.
Die Namen der ältesten Städte im deutschen Sprachraum sind oftmals lateinischen Ursprungs, z.B.:
- Colonia Agrippina (lat. Niederlassung) - Köln
- Confluentes (lat. Zusammenfluss) - Koblenz
- Augusta Vindelicorum (lat. Stadt des Augustus) - Augsburg
Das Kapitel Andere Völker im Deutschen Sprachraum wird hier aus chronologischen Gründen für das Kapitel Völkerwanderung kurz unterbrochen und danach mit dem Unterkapitel Slawen fortgesetzt.
Völkerwanderung
Die sogenannte Völkerwanderung, die sich vornehmlich auf die Migration germanischer Gruppen in Mittel- und Südeuropa zwischen dem Einbruch der Hunnen nach Europa um 375/376 und dem Einfall der Langobarden in Italien 568 konzentriert, wird in der historischen Forschung als Bindeglied zwischen der klassischen Antike und dem europäischen Frühmittelalter betrachtet.
Angeln & Sachsen
Helmrekonstruktion, vermutlich des angelsächsischen Königs Rædwald, Wikimedia: © Gernot Keller
Die Angelsachsen, ein germanisches Sammelvolk bestehend hauptsächlich aus Sachsen, Angeln sowie Jüten, Friesen und Niederfranken, dominierten ab dem 6. Jahrhundert die Kultur in Großbritannien. Diese Zeit, die bis zur normannischen Eroberung 1066 reicht, wird als angelsächsische Periode bezeichnet.
Die angelsächsische Sprache basiert primär auf der altsächsischen Sprache, wobei sich trotz 1500 Jahren unterschiedlicher Entwicklung viele Gemeinsamkeiten mit der niedersächsischen Sprache erhalten haben.
Urworte
Noch immer finden sich etwa 5000 Wörter, größtenteils sogenannte Urworte , aus der angelsächsischen Sprache im modernen Englisch wieder, wie z.B.:
- Haus - house
- Wasser - water
- trinken - drink
- Fuß - foot
- Arm - arm
- Sonnenschein - sunshine
- Mann - man
- Weib - wife
- Bett - bed
- Hund - hunt, hound
- Dogge - dog
- Stuhl - stool
- hier - here
- gut - good
- Gott - god
- schwimmen - swim
- sechzehn - sixteen
- Windauge - window
- Sturm - storm
- Apfel - apple
- Land - land
- Zaun - town
- Geburt - birth
- leben - live
- Wunde - wound
- sterben - starve
- Tod - death
- selbst - self
- singen - sing
- Knecht - knight
- Licht - light
- Volk - folk
- Pöbel - people
- brennen - burn
- Ding - thing
Ortsnamen
Die Angelsachsen gründeten nach ihrer Besiedlung der Britischen Inseln sieben Königreiche ( Heptarchie ), welche als historische Landschaften noch heute fortbestehen:
- Middlesex - Mittelsachsen
- Essex - Ostsachsen
- Sussex - Südsachsen
- Wessex - Westsachsen
- Mercia - Merzien (Mark, i.S.v. Grenzland)
- East Anglia - Ostanglien (von der Landschaft Angeln in Schleswig - Holstein)
- Northhumbria - Nordhumbrien
Von Schleswig nach Nordwig
Thüringer & Langobarden
Türkheim
Im 5. Jahrhundert fielen germanische Stämme über den Rhein in das Römische Reich ein. Es wird vermutet, dass die elsässische Gemeinde Türkheim , deren Ortsname sich von ursprünglich Thorencohaime über Thuringheim zum heutigen Namen entwickelte, auf die sich damals hier niederlassenden Stamm der Thüringer zurückzuführen ist.
Die Eiserne Krone der Langobardenkönige, Wikimedia: © James Steakley
Die Langbärte
Die Herkunft des Namens der Langobarden , auch als Langbärte bekannt, wird in der neueren Forschung aus philologischen Gründen als wahrscheinlich angesehen, wobei dieser Name ursprünglich eine Fremdbezeichnung gewesen sein könnte.
Es wird anhand von archäologischen Erkenntnissen vermutet, dass die Langobarden im späten 1. Jahrhundert u. Z. ursprünglich an der unteren Elbe in der Gegend zwischen Lüneburg uns Magdeburg siedelten. Über verschiedene Zwischenstationen ließen sie sich dann 500 Jahre später in der Gegend um Budapest nieder, um dann in der Mitte des 6. Jahrhunderts unter König Alboin große Teile Italiens zu erobern. Sie gründeten ein Reich mit Pavia als Hauptstadt, das etwa 200 Jahre Bestand hatte, bis es vom Frankenkönig Karl zerstört wurde. Der Stammesname ist noch im Namen der norditalienischen Region Lombardei (italienisch Lombardia) erhalten geblieben.
Obwohl die langobardische Sprache seit dem Jahr 1000 als ausgestorben gilt, haben sich im Italienischen einige wenige Wörter, sehr wahrscheinlich langobardischen Ursprungs erhalten, wie z.B.:
- pizza: Bissen
- muffa: Schimmel (vgl. dt. muffig, mief)
- nocca: Fingerknöchel (vgl. dt. Knochen)
- zolla: (Erd-)Scholle (vgl. dt. Zoll (Längenmaß))
- panca: Sitzbank
- guancia: Wange
Fortsetzung von Andere Völker im Deutschen Sprachraum
Das zweisprachige Bautzner Ortsschild, Wikimedia: © Julian Nyča
Slawen
- seit dem 7. Jahrhundert bis in die Gegenwart
Nach der Völkerwanderungszeit besiedelten Slawen aus den heutigen Gebieten Tschechiens und Polens ab dem 6. bis 7. Jahrhundert die Gebiete östlich der Elbe, die zuvor von germanischen Stämmen verlassen worden waren. Diese slawischen Gruppen bildeten Stammesverbände wie die Polaben, Obodriten und Sorben.
Die deutsche Ostsiedlung, die bis ins 13. Jahrhundert andauerte, breitete sich über Teile des späteren Römischen Reichs Deutscher Nation sowie westliches Polen, Böhmen, Ungarn und Rumänien aus.
Die Sorben sind heute die einzige offiziell anerkannte slawische Minderheit in Deutschland.
Slawismen
Slawismen sind slawische Wörter, die Eingang in andere Sprachen gefunden haben. Zahlreiche Ortsbezeichnungen in Ost- und Norddeutschland, der Steiermark, Kärnten und Niederösterreich sind Slawismen, wie z.B.
- Berlin - altpolabisch brlo (Sumpf)
- Dresden - sorbisch Drežďany (Auwaldbewohner)
- Leipzig - sorbisch lipa (Linde)
- Schwerin - altpolabisch zvěŕin (Wildgehege)
- Chemnitz - sorbisch kamjenica (Steinbach)
- Graz - slowenisch gradec (kleine Burg)
Auch in der deutschen Alltagssprache finden sich einige hundert Slawismen , wie z.B.
- Droschke
- Grenze
- Gurke
- Quark
- Peitsche
- Schmetterling
- Vampir
Dänischer Grenzstein aus dem Jahr 1827 im heutigen Kreis Pinneberg, Wikimedia: © Huhu Uet
Dänen
- ca. 800 bis in die Gegenwart
Die Geschichte der Dänen in Deutschland, genauer im Bundesland Schleswig-Holstein lässt sich über etwa 1200 Jahre zurückverfolgen.
Die Südgrenze Dänemarks wurde von 811 bis 1864 mit zwei kurzen Unterbrechungen durch den Fluss Eider markiert. Hier endete das Reich des Frankenkönigs Karl.
Der Dänische Gesamtstaat, der von 1773 bis 1864 existierte, umfasste die beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein, so dass in dieser Zeit die Elbe die Grenze darstellte, mit Altona als zweitgrößter Stadt. In diese Zeit fällt auch der Bau des Eider-Kanals , der als Vorläufer des Nord-Ostsee-Kanals fungierte.
Trotz der langen gemeinsamen Geschichte gibt es nur vergleichsweise wenige Danismen in der deutschen Alltagssprache, allerdings sind zahlreiche Ortsnamen in Südschleswig altdänischer Herkunft, wobei die deutsch-dänische Ortsnamensgrenze ungefähr zwischen Husum und Eckernförde verläuft.
z.B. Ortsnamen mit Endung auf
- -by (Schuby)
- -rup (Süderbrarup)
- -wig (Schleswig)
Schweden
- 1648 - 1815
Als sieghafte Kriegspartei im Dreißigjährigen Krieg übernahm Schweden in Folge des Westfälischen Friedens die faktische Herrschaft in Bremen-Verden, Wismar sowie Schwedisch-Pommern mit Stralsund.
Zum Gedenken an die Schwedenzeit werden alljährlich lokale Feste veranstaltet. Ein Wahrzeichen der Hansestadt Wismar sind die buntbemalten Schwedenköpfe .
Schwedenkopf am Baumhaus in Wismar, Wikimedia: © Niteshift (talk)
Das einzige schwedische Wort in der deutschen Sprache, welches nicht als Lehnwort zu verstehen ist, könnte sein:
- Ombudsmann (von altnordisch umboð ‚Auftrag‘, ‚Vollmacht‘)
Nach seiner Niederlage gegen Russland 1709 flüchtete König Karl XII. von Schweden ins Osmanische Reich. Dort lernte er das System des Muhtasib kennen. Nach seiner Rückkehr führte er 1718 in Schweden ein ähnliches System ein, das später durch die Einführung des Ombudsmanns 1809 ergänzt wurde.
Relief von Johannes Boese, 1885: Der große Kurfürst begrüßt ankommende Hugenotten, © Wikimedia
Franzosen
- 1792 - 1815
Schon vor der Franzosenzeit genannten Epoche der französischen Herrschaft über weite Teile Europas gab es einen intensiven Einfluss auf die deutsche Sprache, die zu zahlreichen Gallizismen führte.
Von 1620 bis 1720 flohen etwa 50.000 Hugenotten (eine Bezeichnung, die möglicherweise auf den alemannischen Begriff Eidgenosse zurückzuführen ist, als Verbindung zum Calvinismus in Genf) aus Frankreich vor Religionsverfolgung nach Deutschland.
Mit dem Edikt von Potsdam gewährte der Brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm Glaubensfreiheit, so dass dort etwa 20.000 Glaubensflüchtlinge aufgenommen wurden. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts stellten sie in Berlin eine zahlenmäßig bedeutende Minderheit dar. Bis in die Gegenwart sind die Nachwirkungen dieser Immigration nachweisbar.
Darüber hinaus war französisch Hofsprache am preußischen Hof. Friedrich II. selbst war in ständigen Austausch mit Voltaire und schrieb fast ausschließlich französisch.
In der Berliner Mundart haben sich, bedingt durch die Aufnahme der Hugenotten, sowie der Besetzung durch französische Truppen, eine Reihe von Wörtern und Redewendungen erhalten, die sich im Laufe der Zeit immer weiter von der ursprünglichen Form entfernten, wie z.B.:
- Fisimatenten (Visitez ma tente! - Besuchen Sie mein Zelt!)
- Kinkerlitzchen (quincaillerie - Eisenwarenhandlung, i.S.v. wertloses Schmuckstück)
- mutterseelenallein (moi tout seul - Ich ganz allein)
- blümerant (bleu mourant - sterbendes Blau)
- Muckefuck (mocca faux - falscher Kaffee)
- det is alle (allé - gegangen)
- Bulette (boulette - Kügelchen)
- plärren (pleurer - weinen)
Es muss darauf hingewiesen werden, das der Kluge, das etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache , die Wortherkünfte teilweise anders ableitet.
Vogelschaubild von Helgoland aus dem Jahre 1855, © British War Department
Briten
- 1807 - 1892
Der Vollständigkeit halber muss auch die einzige Hochseeinsel im Deutschen Sprachraum genannt werden, die im Verlauf der Auseinandersetzungen zwischen Dänemark und Großbritannien in den Napoleonischen Kriegen am 5. September 1807 von britischen Truppen besetzt wurde. Grund war die Kontinentalsperre, die 1806 von Napoleon gegen das Vereinigte Königreich verfügt worden war und in die 1807 auch Dänemark einbezogen wurde. Helgoland entwickelte sich seit Anfang 1808 zu einem lebhaften Schmuggelplatz; die Insel übernahm gewissermaßen die Funktion Hamburgs als Überseehafen.
Einziges Relikt aus der Zeit als Britische Kronkolonie ist der Status Helgolands als steuerrechtliches Ausland, wo keine deutschen Verbrauchssteuern erhoben werden. Darüber hinaus wird der ehemalige Britische Gouverneur Maxse in einem Straßennamen geehrt.
Auch sprachlich gesehen blieb nur die englische Namensvariante der Insel erhalten: Heligoland.
Einflussbereiche
kontinentalwestgermanischer Sprachen
- seit ca. 500 u. Z. (ohne Übersee-Kolonien und Auswanderung)
Das Gebiet markiert den Bereich, wo jemals eine kontinentalwestgermanische Sprache (auch Dialektkontinuum) gesprochen wurde bzw. Einfluss hatte. Als einheitliches Kriterium wurde die Verbreitung von originär deutschsprachigen Ortsnamen zugrunde gelegt.
Zur Zeit sind hier über 18.000 Orte außerhalb des heutigen deutschen Sprachraumes erfasst, die unter anderem auch einen deutschen Ortsnamen aufweisen. (bitte zoomen)
Im Westen bildet die weiteste Ausdehnung des Heiligen Römischen Reiches die Grenze zum romanischen Sprachraum , der ursprünglich weiter westlich und südlich lag.
Auch im Süden wird das Gebiet durch romanische Sprachen begrenzt, im Norden durch das Dänische , im Osten und Südosten durch das Slawische und Ungarische .
Das Baltikum ist ebenfalls ein Teilgebiet des Einflussbereiches, da hier im Zuge der Ostkolonisation durch den Deutschen Orden ein Staat entstand, der mehr als 300 Jahre von 1230 bis 1561 existierte.
Die ehemaligen Gebiete des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns gehören ebenso zum Einflussgebiet, weil Deutsch dort Amtssprache war, sowie Siedlungsgebiete von deutschsprachigen Auswanderern entlang der Donau (z.B. Siebenbürger Sachsen oder Donauschwaben ).
Fränkische Ortsnamen in Nordwesteuropa
Nach dem Untergang des (West-)Römischen Reiches, das mit der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus im Jahre 476 endete, expandierten fränkische Stämme in das Gebiet des heutigen Belgiens und Frankreichs.
Durch die Vereinigung der Teilverbände der Salfranken und Rheinfranken um das Jahr 500 schuf der merowingische König Chlodwig I. das Fränkische Reich, welches seine größte Ausdehnung unter dem Karolinger Karl erfuhr.
So ist zu erklären, dass die französische Stadt Rouen den altfränkischen Namen Rudaburg trägt.
Kopie eines verschollenen Siegelrings mit dem Bildnis Childerichs, Wikimedia: Autor unbekannt
Die belgische Stadt Tournai war Herrschaftssitz des ersten nachweisbaren merowingischen Kleinkönigs Childerich I. , der auch hier begraben wurde. Der fränkische Name der Stadt lautet Dornick. Weitere Beispiele für fränkische Ortsnamen sind Kamerich ( Cambrai ) und Atrecht ( Arras ).
Doch bedingt durch die kriegerische Reunionspolitik Ludwigs XIV. von Frankreich verschob sich die romanische Sprachgrenze weit nach Norden und Osten.
Deutschsprachige Ortsnamen im Baltikum
In den Baltischen Staaten gibt es noch hunderte deutschsprachiger Ortsnamen, die, wenngleich kaum noch genutzt, ein Zeugnis der über 800-jährigen Geschichte der Deutsch-Balten sind, die als eingewanderte Minderheit bis in 20. Jahrhundert großen Einfluss auf Kultur und Sprache hatte.
Der Adel und ein Großteil des Bürgertum wurde von Deutsch-Balten gestellt. Außerdem waren viele russische Minister, Politiker sowie Militärführer und Wissenschaftler deutsch-baltischer Herkunft.
Hauptgebäude der Universität von Dorpat im Goldenen Zeitalter (1860)
Die 1632 gegründet Universität in Dorpat/Tartu war zwischen 1802 und 1893 die elftgrößte deutschsprachige Universität mit namhaften Hochschullehrern .
Das baltische Deutsch , das Idiom der deutschsprachigen Minderheit in Lettland und Estland vor dem Zweiten Weltkrieg war mit zahlreichen Lehnwörtern der Nachbarsprachen gespickt, wies Besonderheiten in der Satzstellung auf und hatte eine besonders gefärbte Aussprache.
Bekannte Deutsch-Balten sind u.a.:
- Werner Bergengruen (1892–1964), Schriftsteller
- Ernst von Bergmann (1836–1907), Chirurg
- Georg Dehio (1850–1932), Kunsthistoriker
- Heinz Erhardt (1909–1979), Humorist
- Meinhard von Gerkan (* 1935), Architekt
- Robert Gernhardt (1937–2006), Satiriker
- Otto Graf Lambsdorff (1926–2009), Politiker
- Rosa von Praunheim (* 1942), Filmregisseur
- Olaf Baron von Wrangel (1928–2009), Journalist und Politiker
- Alexander Van der Bellen (* 1944), österreichischer Bundespräsident
Nach Zwangsumsiedlungen und den Wirren des Zweiten Weltkriegs leben heute nur noch wenige tausend Deutschsprachige in den baltischen Ländern. Dennoch versuchen deutsch-baltische Traditionsvereine beiderseits, die in der Sowjetherrschaft unterdrückten Erinnerungen und geschichtlichen Gemeinsamkeiten zu pflegen.
Das detailgetreu rekonstruierte Schwarzhäupterhaus in Riga, Wikimedia: © Diliff
Prachtvoller Ausdruck dieser gemeinsamen Bestrebungen war die originalgetreue Rekonstruktion des traditionsreichen Schwarzhäupterhauses aus hansischen Zeiten in der lettischen Hauptstadt Riga von 1993 bis 1999. Unter der astronomischen Uhr befinden sich einträchtig nebeneinander aufgereiht die Stadtwappen der Hansestädte Riga, Bremen, Lübeck und Hamburg.
Deutscher Sprachraum bis 1918
Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wurde der deutsche Sprachraum von den Territorien des Deutschen Reiches, Österreich-Ungarns sowie der Deutsch-Schweiz begrenzt. In den erstgenannten gab es zwar große Gebiete, in denen slawische Sprachen, Ungarisch oder Rumänisch vorherrschten, doch auch dort war Deutsch die erste Amtssprache.
So erklärt es sich, dass z.B. die ukrainische Stadt Lwiw auch den deutschen Namen Lemberg trägt, da sie 1772 nach der ersten Teilung Polens für 146 Jahre an die Habsburgermonarchie fiel.
Deutscher Sprachraum seit 1945
(Gebietsverluste sind grau hervorgehoben)
Bedingt durch die Folgen beider Weltkriege hat sich der deutsche Sprachraum gravierend verändert.
Die nahezu vollständige Vertreibung von geschätzt 12 bis 14 Millionen deutschsprachiger Menschen aus Ostmittel-, Ost-, und Südosteuropa verschob die Grenze des deutschen Sprachraumes weit in den Westen bis zur Oder-Neiße-Linie.
Auch in den Gebieten der Überseewanderung wurde kriegsbedingt seit 1917 eine konsequent antideutsche Sprachpolitik betrieben.
Deutsche Sprachinseln
So verwundert es, dass auch heute noch zahlreiche deutsche Sprachinseln erhalten sind.
Deutsche Sprachinseln weltweit
Oppeln
Allen voran ist die Gegend um Oppeln zu nennen, der historischen Hauptstadt von Oberschlesien. Seit 1991 werden die Rechte der deutschen Minderheit in Polen durch die Polnische Verfassung garantiert.
Ein bekannter Sohn der Stadt Oppeln ist der WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose .
Zweisprachige Hinweisschilder am Rathaus der Gemeinde Himmelwitz, Wikimedia: © Piotr Jelitto
Die Landgemeine Himmelwitz/Jemielnica ist seit dem Jahr 2006 offiziell zweisprachig.
Deutschland
In Deutschland wird Deutsch als Haupt- und Amtssprache genutzt und ist in überregionalen Medien sowie im schriftlichen Verkehr standardisiert. Im Alltag dominiert Deutsch in den meisten Regionen, häufig mit regionalen Färbungen. Die Übergänge zu lokalen Dialekten sind oft fließend.
Gemäß der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen werden folgende Sprachen als Regional- oder Minderheitensprachen anerkannt:
- Dänisch: in Schleswig-Holstein
- Friesisch: Nordfriesisch in Schleswig-Holstein, Saterfriesisch in Niedersachsen
- Sorbisch: Obersorbisch in Sachsen, Niedersorbisch in Brandenburg
- Romani (Sprache der Sinti und Roma): in Hessen
- Niederdeutsch: in Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern sowie in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt
Österreich
Gemäß Artikel 8 Absatz 1 des Bundes-Verfassungsgesetzes von 1920 ist Deutsch die Staatssprache Österreichs, wobei Rechte für sprachliche Minderheiten bestehen bleiben. Slowenisch in Kärnten und der Steiermark sowie Ungarisch und Burgenlandkroatisch im Burgenland sind auch offiziell anerkannt. Im täglichen Gebrauch und in offiziellen Angelegenheiten wird hauptsächlich österreichisches Deutsch verwendet, eine standardisierte Form des Hochdeutschen, die staatlich durch das Österreichische Wörterbuch seit 1951 normiert wurde.
Als Minderheitensprachen werden folgende Sprachen anerkannt:
- Burgenlandkroatisch im Burgenland
- Romani im Burgenland
- Slowakisch in Wien
- Slowenisch in Kärnten und in der Steiermark
- Tschechisch in Wien
- Ungarisch im Burgenland und in Wien
Südtirol & Tarvis
In Italien ist Deutsch neben Italienisch und Ladinisch in Südtirol offiziell anerkannt. Bei der Volkszählung 2011 gaben 62,3 % der Einwohner der Autonomen Provinz Bozen Deutsch als Muttersprache an. Die Mehrheit der italienischsprachigen Bevölkerung lebt in den drei größten Städten Bozen, Meran und Brixen. Öffentliche Einrichtungen und Beschilderungen sind gesetzlich zweisprachig.
Schweiz
In der Schweiz ist Deutsch eine der vier offiziellen Amtssprachen, die von etwa 63 % der Bevölkerung als Muttersprache angegeben wird. Schweizer Hochdeutsch unterscheidet sich in mehreren Aspekten von der Standardform in Deutschland und Österreich. Umgangssprachlich wird vorwiegend Schweizerdeutsch gesprochen.
Viersprachiges Schild in der Schweiz, Wikimedia: © Ramessos
Liechtenstein
In Liechtenstein ist Standarddeutsch die einzige offizielle Amtssprache, während Liechtensteinisch, ein alemannischer Dialekt, im alltäglichen Gebrauch vorherrscht.
Elsaß & Lothringen
In Frankreich sprechen rund 1.200.000 Menschen elsässische und lothringisch-fränkische Dialekte, vor allem in der Region Elsass und im Département Moselle. Hochdeutsch ist ebenfalls als Schriftform und Bezugssprache anerkannt, obwohl Französisch die einzige offizielle Amtssprache gemäß der Verfassung ist. Es gibt jedoch eine offizielle Anerkennung dieser Sprachen als als Regionalsprachen (langues régionales).
Luxemburg
In Luxemburg sind Hochdeutsch, Luxemburgisch und Französisch Amtssprachen, wobei Französisch die bevorzugte Sprache für Gesetzestexte ist. Luxemburgisch ist seit 1984 die einzige „Nationalsprache“ und wird in den Medien häufig verwendet. In Printmedien, Büchern und in der Schule dominiert das Hochdeutsche jedoch weiterhin.
Ostbelgien
In Belgien ist Hochdeutsch zusammen mit Niederländisch und Französisch Amtssprache. In den Kantonen Eupen und Sankt Vith sowie in Ostbelgien ist Deutsch Amtssprache. In diesen Gebieten, sowie in einigen weiteren, ist Deutsch ebenfalls als Minderheitensprache anerkannt, und etwa 100.000 Belgier geben Deutsch als ihre Muttersprache an.
Dialekträume
Ein Sprachraum, auch als Sprachgebiet oder Sprachlandschaft bezeichnet, ist eine geografische Region, in der eine einheitliche Sprache vorherrscht. Diese Region umfasst sowohl die Standard- als auch die lokalen Dialekte. Im alltäglichen Gebrauch spricht man etwa vom „deutschen Sprachraum“, der die Dialekte des Ober-, Mittel- und Niederdeutschen einschließt. Dieser Raum ist Teil des größeren germanischen Sprachraums. Typischerweise fallen Sprachräume nicht mit nationalen Grenzen zusammen, da sie staatsübergreifend sind. Sie entstanden historisch durch Migrationsbewegungen, während Staaten oft durch politische Ereignisse wie Kriege oder dynastische Heiraten geformt wurden. Der mitteleuropäische deutsche Sprachraum wird von mehreren nationalen Grenzen durchschnitten und umfasst ganz oder teilweise Länder wie Deutschland, Österreich, Liechtenstein und Luxemburg sowie Regionen wie die Deutschschweiz, Ostbelgien, Südtirol und teilweise das Elsass und Lothringen. Es gibt auch isolierte deutsche Sprachgebiete, wie das der Donauschwaben. In Ländern wie der Schweiz umfassen die Staatsgrenzen mehrere Sprachräume, zu denen deutsche, französische, italienische und rätoromanische Teilgebiete gehören. Die Sprachgrenzen in der Schweiz tragen oft volkstümliche Namen. Die deutschen Dialekte haben sich unabhängig von der deutschen Standardsprache aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen sowie dem Alt- und Mittelniederdeutschen entwickelt und sind stark regional geprägt. In der Soziolinguistik werden die deutschen Dialekte als westgermanische Sprachvarietäten definiert, für die Standarddeutsch die nächstverwandte Kultursprache ist. Traditionell werden die deutschen Mundarten in hoch- und niederdeutsche Dialekte unterteilt. Die hochdeutschen Dialekte sind von der hochdeutschen Lautverschiebung beeinflusst, während die niederdeutschen Mundarten davon unberührt sind. Die hochdeutschen Mundarten werden weiter in mittel- und oberdeutsche Dialekte gegliedert.
Mundarten
Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache an.
Jede Region liebt ihren Dialekt, sei er doch eigentlich das Element, in welchem diese Seele ihren Atem schöpfe.
Johann Wolfgang von Goethe
Peter Frankenfeld: "Die Wetterkarte" mit deutschen Dialekten von 1973
Auswanderung
Weitere Faktoren trugen im Laufe der Geschichte zur Verbreitung der deutschen Sprache bei.
Eine Darstellung aus dem Heidelberger Sachsenspiegel zeigt die deutsche Ostsiedlung um 1300. Im oberen Teil des Bildes erhält ein Lokator, erkennbar an seinem Hut, eine Gründungsurkunde von einem Grundherrn und leitet die Gründung eines Dorfes ein. Im unteren Bildteil fungiert er in dem nun vollständig aufgebauten Dorf als Richter.
Bereits seit der Jahrtausendwende wanderten Menschen im Zuge der hochmittelalterlichen Ostsiedlung aus dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches aus. Hauptziele der Migranten waren u.a.
- Baltikum
- Ungarn (Donauschwaben)
- Rumänien (Siebenbürger Sachsen)
- Polen
- Böhmen
- Moldavien
- Wolgaraum (Wolgadeutsche)
Während der deutschen Ostsiedlung zwischen 1050 und 1600 traten bedeutende Sprachkontakte auf. In der Linguistik versteht man unter Sprachkontakt die Aufnahme von Lehnwörtern, Fremdwörtern und Lehnübersetzungen, speziell zwischen dem Deutschen und slawischen Sprachen. Diese Form des Sprachaustauschs bleibt ohne den Kontext der Ostsiedlung unerklärlich. Es wird zwischen direktem Sprachaustausch, der durch unmittelbaren Kontakt zwischen Sprechern verschiedener Sprachgruppen stattfindet, und indirektem Sprachaustausch, der über verwandte Dialekte oder Vermittlersprachen erfolgt, unterschieden.
Beispiele:
- Bürgermeister - poln. burmistrz / ungar. polgármester
- Rathaus - poln. ratusz / tsch. radnice
- Brezel - poln. precel / ungar. perec
- Werkstatt - poln. warsztat
- Jahrmarkt - tsch. jarmark
- Knopf - tsch. knoflík
An Bord des Auswandererschiffes Samuel Hop. Idealisierende Zeichnung aus dem Jahre 1850, Quelle: Bundesarchiv
Im frühen 19. Jahrhundert schwoll die Überseewanderung aus dem deutschen Sprachraum stark an. Hauptziele der Emigranten waren
- USA (90%)
- Brasilien (3,5%)
- Kanada (2,5%)
- Argentinien (2%)
- Australien (0,9%)
- Südafrika (0,9%)
- Namibia (0,2%)
Außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachraumes werden aktuell über 40 Zeitungen und Zeitschriften publiziert.
Deutsche Ortsnamen in den Vereinigten Staaten
Ortsschild von New Braunfels in Texas, © Google Street View
Die Präsenz der Deutschen in den USA begann im 17. Jahrhundert mit der Errichtung der ersten europäischen Kolonien auf dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten. Deutsche gehörten von Beginn an zu den wesentlichen Akteuren der Besiedlung Nordamerikas und bildeten bis ins 20. Jahrhundert die größte Einwanderergruppe. Der Höhepunkt der deutschen Einwanderung war 1882 mit einer Zuwanderung von etwa 250.000 Deutschen. Die Assimilation der deutschen Kultur verstärkte sich durch die Weltkriege, und obwohl kulturelle Elemente durch Gruppen wie die Texasdeutschen und Amischen erhalten blieben, ist die Bewahrung des kulturellen Erbes heute meist auf folkloristische Aspekte beschränkt.
Um 1830 machten deutschsprachige Einwanderer ein Drittel der Bevölkerung Pennsylvanias aus, während ihr Anteil in den gesamten USA knapp neun Prozent betrug. Die Muhlenberg-Legende besagt, dass eine Gesetzesvorlage, Deutsch zur offiziellen Sprache Pennsylvanias zu machen, nur an einer einzigen Gegenstimme scheiterte, die von Frederick Muhlenberg, einem prominenten Politiker deutscher Herkunft, stammte. Er soll als Begründung dazu gesagt haben: „Je schneller die Deutschen Amerikaner werden, desto besser.“
Früheres Vereinshaus der Deutsch-Amerikanischen Schützengesellschaft in New York City mit der Inschrift „Einigkeit macht stark“, Wikimedia: © Schreibkraft
Kleindeutschland (Englisch Little Germany, gelegentlich auch Dutchtown genannt) war ein Stadtviertel in der Lower East Side im Stadtteil Manhattan in New York City, in dem hauptsächlich deutsche Einwanderer lebten. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Kleindeutschland eine Bevölkerung von 50.000. Die Gemeinschaft war für die deutschstämmige Bevölkerung New Yorks das kulturelle Zentrum, mit Einrichtungen wie Biergärten, Sportvereinen, Schützenvereinen sowie deutschsprachigen Bibliotheken, Chören, Schulen und Kirchen.
Zeichnung der General-Slocum-Katastrophe von Angelo Agostini, 1904
Die "General-Slocum"-Katastrophe am 15. Juni 1904 verursachte erhebliches Leid in Kleindeutschland, einem Stadtteil von New York. Ein Feuer auf dem Schaufelraddampfer "General Slocum" während eines Picknicks führte zu schätzungsweise 1.021 Toten, überwiegend aus etablierten deutschen Familien. Dieses Ereignis markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Stadtviertels, das heute kein bekanntes "Little Germany" mehr ist.
Deutsche Ortsnamen und Sprachinseln in Südamerika
Das Rathaus von Blumenau, Wukimedia: © Andrevruas
Die deutsche Einwanderung nach Brasilien erlebte im 19. und 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt, angetrieben durch wirtschaftliche und soziale Probleme in Deutschland und Europa. Heute haben etwa 10 Prozent der Brasilianer deutsche Vorfahren, und der 25. Juli 1824 wird als "Tag der deutschen Einwanderung" gefeiert.
Oktoberfest on Blumenau, Wikimedia: © W. Feistler
Die Stadt Blumenau wurde 1850 von deutschen Einwanderern unter der Leitung des Apothekers Hermann Blumenau in Santa Catarina gegründet. Die charakteristischen Fachwerkhäuser der Stadt sind jedoch größtenteils moderne Nachbildungen und dienen hauptsächlich dekorativen Zwecken.
Haus Moellmann in Blumenau, Wikimedia: © Marinelson Almeida
In den ersten hundert Jahren nach ihrer Gründung war Deutsch die dominierende Sprache in Blumenau. Mit der Zeit und durch die Zuwanderung aus anderen europäischen Ländern und aus Brasilien kamen auch andere Sprachen hinzu, doch Deutsch blieb die lingua franca der Region. Obwohl heute Portugiesisch überwiegt, ist Deutsch immer noch in Teilen der Bevölkerung als Umgangssprache präsent.
Kolonialismus
Deutsche Ortsnamen und Sprachinseln in Afrika
Beispiele deutschsprachiger Beschilderung im namibischen Alltag, Wikimedia: © BlueMars
Die deutsche Sprache in Namibia, auch bekannt als Südwesterdeutsch und in wissenschaftlichen Kreisen als Namdeutsch bezeichnet, ist in der Jugend oft unter den Begriffen Namlish oder Namsläng geläufig. Sprachwissenschaftlich wird sie als eine Varietät und Sprachinsel der deutschen Sprache betrachtet und zählt zu den Viertelzentren des Deutschen. Diese Klassifizierung fällt in die Kategorie der linguistischen Einstufungen innerhalb der deutschen Sprachzentren. Die heutigen deutschsprachigen Einwohner Namibias, Nachfahren der Bewohner der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika bis 1915, bilden die einzige bedeutende deutsche Sprachgemeinschaft aus einer ehemaligen deutschen Kolonie mit einer erheblichen Anzahl an Muttersprachlern.
Wanderworte
oder Germanismen
Deutsche Worte, die in einer anderen Sprache als Lehnwort oder Fremdwort integriert wurden, werden als Germanismen bezeichnet.
Deutsch in anderen Sprachen
Wie nennen uns die anderen Völker?
- Tyska, Tedesco, Déyu: zum Volke gehörig (diutisc)
- Allemand, Almaniyya, Alemão: alle Männer (Alemannen)
- Germanski, Germans, Jarman: Nachbarn (Germanen)
- Niemiecki, Nemet: die Stummen (niemc/nemet, d.h., nicht Slawisch sprechend)
- Saksa: Schwertleute (Sachsen)
- Pickelhaube: (in manchen Gebärdensprachen)
In manchen Gebärdensprachen wird die Sprache Deutsch durch eine Pickelhaube symbolisiert. Diese Geste bedeutete im deutschsprachigen Bereich früher „Schutzmann“.
Wahre Ortsnamen
Ein etymologisches Kartenwerk
Im Atlas der Wahren Namen werden geographische Namen in die deutsche Sprache „übersetzt“, d.h. deren wahre (etymologische) Bedeutung wird anstelle des allgemein bekannten Namens in die Karte eingetragen. Beispiel: Anstatt Köln steht in den Karten „Niederlassung“, zu lateinisch colonia „Niederlassung, Kolonie“. Geographische Namen entstanden in erster Linie aus Beobachtungen der naturräumlichen Gegebenheiten, die durch die Lage der Siedlungsorte (Terrassenbucht - Taiwan), das Fließverhalten der lebenswichtigen Flüsse (der Bootszerstörer - Amazonas) oder Vegetationsgrundlagen (Mangoblätter - Colombo) geprägt wurden. In zweiter Linie waren es individuelle Charaktere von Völkern, aus denen Namen von Ländern und Landschaften entstanden (Land der Freien - Thailand). Auch mythologische Aspekte und die Beherrscher der jeweiligen Gebiete sind in Namensgebungen vertreten (Sohn der Weltseele - Brahmaputra, Königsland - Rajastan).
Seltsame Ortsnamen
Eine Reise durch ein merkwürdiges Land
Etymologie & Linguistik
Wie oft haben Sie sich auf Reisen schon über Ortsnamen wie Alzheim, Grausenloch oder Deppendorf amüsiert? Der hier vorliegende Atlas fasst zum ersten Mal die seltsamsten Ortsnamen Deutschlands in einer Karte zusammen. Das Kinderspiel Stille Post oder Flüsterpost als sinnbildlicher Begriff für die Verfälschung von Nachrichten ist international bekannt. In anderen Sprachen trägt das Spiel so klangvolle Namen wie z.B. chinese whispers im Englischen, téléphone arabe im Französischen oder Kulaktan kulağa im Türkischen (das Ohr im Ohr). Die Veränderung geographischer Namen im Laufe der Zeit unterliegt einem speziellen Stille-Post-Effekt, da hier noch 'Mitspieler' verschiedener Sprachen, Dialekte und Epochen am Werke waren. Die Linguistik beschreibt verschiedene Formen des Wortwandels: • Assimilation (Angleichung: doctor - dottore) • Dissimilation (sechs - ausgesprochen seks) • Apokope (Weglassung: ich habe - ich hab) • Synkope (Wegfall unbetonter Vokale: mhd. obest - Obst) • Elision (Herausstoßung: Mädgchen - Mädchen) • Aphärese (Wegnehmen: heraus - raus) • Anaptyxe (Einschub: Schnaps - Schnappes) • Epenthese (Fugenelement: eigen - eigentlich) • Prothese (Einschub am Wortanfang: spiritus - esprit) • Metathese (Lautumstellung: brennen - burn) • Lautverschiebung (lateinisch piscis - Fisch) • Verschleifung (Lindenberg - Limberg) • Zusammenziehung (in dem - im) • Volksetymologie (Eindeutschung: arcuballista - Armbrust) • Übertragungsfehler (Versprecher, Verhörer: z.B. Eisbärsalat) • Bedeutungswandel • Barbarismus (falscher Wortgebrauch) Die für die Karte ausgewählten Ortsnamen wirken teils belustigend, anstößig oder gar bedrohlich. Es ist jedoch davon auszugehen, dass deren ursprüngliche etymologische Bedeutung in den meisten Fällen vollkommen harmlos ist. Ein amtliches Ortsschild jedoch lässt jeden inneren Zweifel sofort verstummen. So darf das Auge lesen, was die Phantasie verstehen will.
Kennen Sie den?
Sitzen zwei im Zug. Der Erste klopft sich seit geraumer Zeit auf die Oberschenkel. Fragt der Zweite: „Sagen Sie mal, es geht mich ja nichts an, aber warum klopfen Sie sich eigentlich die ganze Zeit auf die Schenkel?“ Antwortet der Erste: „Damit ich nicht vergesse, dass ich in Cloppenburg aussteigen muss!" Entgegnet der Zweite: „Oh, da bin ich aber froh, dass Sie nicht nach Pforzheim fahren!"
Cloppenburg: zu niederdeutsch clop „Hügel“ Pforzheim: nach einer römischen Siedlung Portus, lateinisch „Hafen“ Dieser seit Generationen bei Schülern bekannte Kalauer ist ein schönes Beispiel dafür, wie weit die eigentliche und die verstandene Bedeutung eines Wortes auseinander liegen können.
Beispiele:
Blödesheim: über 350 Jahre mussten Sie Hohn und Spott über sich ergehen lassen, bis es den Bewohnern schließlich zu blöd wurde: Der Ort wurde 1971 von Amtes wegen in Hochborn umbenannt, nicht zuletzt auch, weil der alte Name dem Weinverkauf hinderlich war. Erstmalig erwähnt wurde Blödesheim im Jahre 782 als Blatmarsheim, vermutlich benannt nach einem Franken namens Blatmar oder Blitter. Im Laufe der Zeit wandelte sich der Ortsname von Blatmarisheim zu Blödesheim.
Calau: Heimat der sogenannten Kalauer, einfacher Wortspiele mit Wörtern gleichen Klanges, aber ungleicher Schreibweise und Bedeutung (z.B. „Er fuhr Ford und kam nie wieder“).
Darmstadt: urspr. Darmundestat, ie. dar „Tor“ und mund „Schutz“ Dortmund: urspr. altsächsisch Thrutmanni, „Siedlung am gurgelnden Wasser“
Ekel: urspr. Eckel, abgeleitet von Eichel, Eiche
Elend: urspr. ahd. eli lanti „anderes Land“, vermutlich im Sinne von Exil
Fucking: Ortsteil der Gemeinde Tarsdorf in Oberösterreich nahe der deutschen Grenze. Die Siedlung wurde vermutlich bereits im 6. Jh. von einem bayerischen Adligen namens Focko (friesisch für Volker „der dem Volke vorangehende“) gegründet. Die zweite Silbe, das althochdeutsche Suffix -ing, weist auf eine Zugehörigkeit zu Personennamen hin. Ungeachtet der vergleichsweise belanglosen etymologischen Bedeutung übt der Ortsname besonders auf englischsprachige Reisende eine magische Anziehungskraft aus. Ganze Busladungen werden regelmäßig in das Bauernkaff gefahren, um sich dort vor dem Ortsschild fotografieren zu lassen. 2005 wurden die Ortstafeln schließlich durch Anschweißen und Einbetonieren gegen weiteren Diebstahl gesichert. Unlängst sorgte der Ortsname für weiteres öffentliches Aufsehen. Unter dem Namen "Fucking Hell" gibt es seit dem Sommer 2010 ein helles, obergäriges Bier zu kaufen, vornehmlich für den Export in den angelsächsischen Sprachraum. Man stelle sich nur vor, wie jemand in einem urenglischen Pub lauthals dieses Bier bestellt.
Am 1.1.2021 wurde der Ortsname in Fugging geändert.
Hundeluft: urspr. ein Hundeauslaufgelände (Hundelauf) der Burgherren von Hundeluft.
Killer: Zusammenziehung aus Kirche und Weiler
Kreischa: urspr. altsorbisch Cryshowe, „Ort des Chris(tian)“
Kuhschnappel: urspr. altsorbisch Okonschopolje „entlegenes Feld“
Luderbach: urspr. Lutterbach, Lauterbach, ahd. lauter „hell, klar“
Müllrose: urspr. sorbisch Miloraz, a) „schmale Furt“, b) Personenname Milorad „lieb, teuer“
Neandertal: benannt nach dem Dichter Joachim Neander, zu griechisch nea „neu“ und andros „Mann“. 1856 wurden hier die Knochenfragmente des Neandertalers gefunden, der als Inbegriff des zotteligen Vormenschen gilt. Übersetzt bedeutet der Name jedoch „Neumannstaler“.
Nutteln: urspr. Nutloh, d.h. Hain oder Wäldchen mit Nusssträuchern
Petting: urspr. Pettinga, vermutl. „Ort, der dem Zu- und Ablauf des Wassers unterworfen ist“
Pissen: slawisch pisek „Sand“
Romika: deutsche Schuhmarke aus den Anfangsbuchstaben der Firmengründer Rollmann, Michael und Kaufmann. Der Ortsteil, wo sich die erste Produktionsstätte der Firma befand, wurde später nach dieser benannt. Die älteren von uns werden sich sicher noch an den Schulhof-Spruch erinnern, welcher sich an die Romika-Reklame anlehnte: Der hat ein Gesicht wie ein Romika-Schuh, reintreten und sich wohlfühlen. Sargleben: urspr. wendisch sareglaba „Distelfeld, milder Boden“
Sexau: benannt nach sechs Flusswiesen (Auen)
Schimmel: urspr. Schemelde, germanisch schemelithi „schattiger Ort“
Sterbfritz: urspr. 815 Starckfrideshuson 1303 Sterpfrids, 1543 Sterpfritz
Sprichwörtliche Ortsnamen
Von Babel nach Fukushima
In jeder Sprache und jedem Dialekt finden sich Sprichwörter und Redewendungen, welche in ihrem tieferen Sinn nur von denjenigen verstanden werden, die einen konkreten Bezug zu dem dahinter stehenden, in der Regel historischen Kontext herstellen können. Dieser ist unter Umständen zeitlich und räumlich begrenzt.
Wie wird ein Toponym zum Synonym? Wie prägen sich Ortsbezeichnungen in das kollektive Gedächtnis einer Sprachgemeinschaft ein?
Sprichwörtliche Ortsnamen werden in der Regel in einen Atemzug genannt mit:
• historischen Ereignissen: Französische Revolution, Tschernobyl • Erkenntnissen: Alle Wege führen nach Rom • Erfindungen: Limousine, Kutsche, Pergament • Vorurteilen: Schlawiner, Scharlatan, sich Französisch verabschieden • Superlativen: Koloss von Rhodos, chinesische Mauer • Ursprungsbezeichnungen: Labradorit, Camembert, Dalmatiner, Bordeaux • Missverständnissen: Kannibale, Chinarinde, Condom • Zitaten: "Eulen nach Athen tragen", "Das kommt mir Spanisch vor" • Ironien: Timbuktu, Posemuckel, Pampa • Mythen: Skylla & Charybdis, Odyssee, Trojanisches Pferd
Hierbei sind die Einzigartigkeit eines Gegenstandes, die Auswirkungen eines Ereignisses sowie die Treffsicherheit eines Idioms wichtige Faktoren für die Ausprägung von symbolhaften Elementen in einer Sprache.
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